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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Ein wachsamer Beobachter

MAINZ (3. Mai 2013). So wie sich Jenning Venskes Kölner Kollege Wolfgang Nitschke in seinem „Bestsellerfressen“ das geschrieben Wort der Prominenz vornimmt, es seziert, kommentiert oder einfach nur rezitiert rührt das 74-jährige Nordlicht genussvoll in der verbalen Inkontinenz der gewählten Volksvertreter und wünscht sich zu Beginn, dass seinem kabarettistischen Tun doch endlich die Grundlage entzogen würde: „Bitte Ruhe, Schweigen!“ Doch diesen Gefallen wird ihm Berlin nicht tun.

Venske, der sein aktuelles Programm „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ 2011 in Buchform herausgegeben hat, macht sich im Unterhaus also auf den Weg in die „geistigen Hohlräume“ der Politik und spürt sie auf, die „kostbar formulierten Hirnlosigkeiten und Hochglanzmetaphern in implodierenden Sprechblasen“.

Das wirkt auf den ersten Blick zugegebenermaßen etwas wohlfeil, doch da sich das Tun der Redner meist nur in ihren Worten spiegelt, darf und muss das gerne thematisiert werden. Und ist der Umgang mit der Sprache nicht auch gleichzeitig der mit ihrem Adressaten?

Er werde sie alle durchbeleidigen, verspricht der Kabarettist und tatsächlich bekommt so gut wie jeder Protagonist der politischen Bühne sein Echo: „Oberlallbacke Gauck mit seinem nachhaltigen Weihrauchpupen“, Merkel, die die „Weichen nach oben“ stellen wollte, „Landplage Westerwelle“, Rösler, „dieses Premium-Nichts in einer inhalts-insolventen Partei“, Milliarden-Jongleur Schäuble, von der Leyen („Wo immer Sie eine Rede hält ist Gefahr im Anzug.“) oder die bayerischen Amigos um Steuerhinterzieher Hoeneß: „Da gibt es einen kurzen Aufschrei in den Medien und dann geht die Party weiter.“

Sprachlich kann ihm kaum einer das Wasser reichen: Sonor und mit ausgefeiltem Duktus steht er seinen Mann, wo Systemkritik eigentlich schon ad acta gelegt wurde. Manchmal muss man schmunzeln, manchmal ist es totenstill, wenn Venske die Gedanken der Wirtschaft liest, nach deren Logik mal wieder ein Krieg anstehen müsse.

Wo Standpunkte möglichst kameranah sein sollten und Inhalte von Werbestrategen wie Marketingexperten bestimmt werden, braucht es Leute wie Henning Venske: „Wer selbst denkt, ist unberechenbar“, sagt er und hinterfragt jede Silbe der öffentlichen Meinung. In einer Zeit, in der „Lallbacke Merkel“ eine „marktkonforme Demokratie“ fordert und Herausforderer Steinbrück dies nur anders formuliert, kann man für derart wachsame Sinne nur dankbar sein.

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