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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Mit spitzer Feder karikiert

MAINZ – Manchmal braucht es nicht viel, um etwas Großes zu schaffen: eine Art ausgeleierte Prinz-Heinrich-Mütze, ein Blazer in Beige und eine dicke Hornbrille als optische Insignien, der Pott-Dialekt als akustische – und fertig ist Herbert Knebel, das Alter Ego des Kabarettisten Uwe Lyko.

Überhaupt scheint sich dieser Landstrich an der Ruhr gut zu eignen, um sich die Seele rein zu nörgeln: Jürgen von Manger oder die legendären Missfits zogen hieraus früher ebenso ein Großteil ihrer Komik wie heute Hallen füllend Helge Schneider oder Atze Schröder.

Herbert Knebel aber braucht keine Phönixhalle – ihm reicht der ausverkaufte Frankfurter Hof, um die private Gemütlichkeit eines Wohnzimmers zu nutzen und sich als Trinkhallen-Steher im Geiste seine Gedanken über die Welt zu machen. Dass diese sich für den Rentner viel zu schnell dreht, wissen Fans schon lange: „Ich glaub, ich geh kaputt…!“ heißt denn auch der Titel von Knebels aktuellem Programm, der sich wie ein roter Faden durch den kurzweiligen Abend zieht.

Knebels Geknotter dreht sich um Gott und die Welt. Und da die Art des Vortrags mindestens so wichtig ist wie sein Inhalt, kann sich der mit Horn Bebrillte so gut wie jedes Thema zu Eigen machen. Als aufgeschlossenes Semester surft er im Internet und gerät beim Googeln nach dem Thema „Blasenprobleme“ natürlich auf spezielle Seiten: „War schon interessant zu sehen, was sich auf dem Sektor in den letzten Jahren so alles getan hat“, wundert sich Knebel, der sich ansonsten im Netz eigentlich nur über Fußball informiert: „Aber auch Bundesliga.“

Der renitente Rentner hat zu allem eine Meinung, die er stets satirisch reflektiert: Die späte Emanzipation seiner Frau („Was aus den 70er – das hat die Wissenschaft doch schon längst widerlegt…“) beschäftigt ihn ebenso wie die vermutete Alzheimer-Krankheit des Familienhamsters, Handyklingeltöne, Auswandern oder das Thema Süchte. Dabei begegnet er seiner Welt mit der überzeugten Ignoranz älterer Generationen und formt seine Nummern zur herrlich überzeichneten Karikatur, die so parodistisch aber gar nicht ist, wenn Knebel sich zu Fragen der Erziehung oder zur Technokratie im Alltag äußert.

Damit man sich an diesem Ruhrpott-Original nicht satt sieht und hört, gönnt Knebel seinem Publikum klugerweise immer wieder Pausen, so dass die in den „Mitternachtsspitzen“ des WDR kultivierte Pointen-Portionierung auch einen ganzen Abend lang mundet: Georg Goebel alias Ozzy Ostermann, Akustik-Gitarrist aus Knebels Band „Affentheater“, begeistert das Mainzer Publikum mit wunderbaren Klängen, ohne natürlich auf die komische(n) Note(n) zu verzichten – welch eine Mischung!

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