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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Gott hatte Zeit genug

MAINZ – Manchmal tut es richtig gut, sich zu echauffieren und mit genervtem Augenrollen auf das zu reagieren, was einem tagtäglich begegnet und im Vorbeigehen allein schon durch die bloße Existenz oder, noch viel schlimmer, verbale Inkontinenz den eigenen Anspruch zutiefst beleidigt. Gute Kabarettisten bringen dieses Empfinden stellvertretend für ihr Publikum überzeugend auf die Bühne. Und Holger Paetz ist ein guter Kabarettist.

„Einer musste es ja machen“, kommentiert Holger Paetz seine Bühnenpräsenz der vergangenen Jahre beim spöttischen „Politiker-Derblecken“ auf dem Nockerberg – er hatte Westerwelle zu spielen und persiflierte den neuen Außenminister stets auf eine ironisch-sympathische Weise. Immerhin elf Jahre habe er als Double Westerwelle in der Opposition halten können.

Doch Holger Paetz ist weit mehr als ein optischer Abklatsch der Politprominenz: Schlaksig-schlank lehnt er da am Bistrotisch und steigt unvermittelt in seine Geschichte ein – die Story eines gescheiten Gescheiterten, dem ein windiger Anlageberater sein Aktiendepot leerräumte und der es sich jetzt wiederholen möchte. Paetz nennt es freilich nicht schnöde Bankraub: „Ich will nur einen privaten Inflationsausgleich.“ Und während er das Geldinstitut aus der Kneipe gegenüber beobachtet, nutzt er den Moment, um ein großes geistiges Ding zu drehen: „Gott hatte Zeit genug“, heißt sein aktuelles Programm, das im Mainzer Unterhaus eine äußerst gelungene Premiere feierte.

Irgendwie scheint es den Bayern in die Wiege gelegt, überzeugend den Griesgram zu geben. Wie sein Kollege Matthias Egersdörfer, der 2010 den Deutschen Kleinkunstpreis erhält, gibt sich auch Holger Paetz keine Mühe, das Richtige im Falschen zu suchen. Misantrop grübelt er sich durch die Gegenwart und verzweifelt an den Zeichen der Zeit: dem nicht mehr authentischen Cappuccino, mineralfreiem Tafelwasser, an zu heißen Brezeln. Und aus der Enge des Bistros hört man es verzweifelt greinen: „Die Welt hat aus der Krise nichts gelernt – warum denn ich?“

Im „Bad brain“-Bereich seines Hirns – dem intellektuellen Pendant zur „Bad bank“ –nährt Paetz interessante Defätismen zu Globalisierung, Kirche und Geld, Heimwerkern im Baumarkt, quälenden Gedächtnislücken („Ich vergesse bedeutende Menschen, aber an Sandy Meyer-Wölden erinnere ich mich sofort…“) oder dem Zugrunderichten der deutschen Sprache. „Der Papst hat das Kondom geleugnet und den Holocaust erlaubt“, kommentiert Paetz scharf: „Aber er ist unfehlbar – da kann Gott nix machen…

Mag der rote Faden zeitweise ein bisschen aufgeribbelt scheinen – die einzelnen Partien des Programmes leben von den geistreichen Pointen und ihrer misslaunigen Präsentation wie der virtuosen Sprache. Der Knaller hingegen kommt zum Schluss, als Paetz den Himmel um pekuniären Beistand bittet und zu getragener Orgelmusik das Gleichnis von den anvertrauten Pfunden deklamiert. Tatsächlich findet er ausgerechnet in der heiligen Schrift eine Erklärung für die Bankenkrise! Und endlich will er auch mal an die Reihe kommen, denn: Gott hatte Zeit genug…

Infos zu Holger Paetz und seinen Bühnenterminen gibt es im Internet unter http://www.holger-paetz.de.

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