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Jan-Geert Wolff

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Horst Evers mit neuem Programm: „Schwitzen ist, wenn Muskeln weinen“

MAINZ – „Schwitzen ist, wenn Muskeln weinen“? Horst Evers stellt klar, dass es sich hierbei nicht um ein Fitnessprogramm handelt: „Eher ein alternativer Trainingsplan – im Sinne von Gegenteil.“ Denn das stämmige Nordlicht braucht keinen Sport, um gleich nach dem Aufstehen k.o. in den Sessel zu fallen…

Der Träger des Kleinkunstpreises 2008 hat es aber auch schwer, denn die ganze Welt scheint sich gegen ihn verschworen zu haben. Scheint? Ein Berliner Busfahrer berichtet ihm von einer Weltverschwörung, die nur ein Ziel kennt: Horst Evers das Leben schwer zu machen. Und alle sind sie dabei: FBI, CIA, KGB. Die Geschichten, die der Kabarettist erzählt und aus seiner Kladde in staunendem Singsang vorträgt, scheinen ihm Recht zu geben.

Egal, ob es um das immer schwieriger werdende Rauchen einer Zigarette geht oder die Ausbreitung der Servicewüste: „Einer Umfrage zufolge hasst jeder Dritte seinen Job – das glaub‘ ich sofort: Bei diesem Drittel gehe ich immer einkaufen.“ Seine Sparte ist die Kleinkunst – und das nimmt Evers wörtlich: Er nimmt den Alltag, das nicht nur scheinbar Banale, das Einfache unter die Lupe und bringt es damit ganz groß raus. Der knuffige Kabarettist scheint den ganzen Tag nur aus dem Fenster zu schauen und sich so die Geschichten für seine spitzenmäßigen Kabarettnummern zu holen.

Da ist der verzweifelte Nachbar, der mit seinem Telefonrouter nicht klar kommt, der Freund und Computerspezialist Jan, dem jeder einem Arzt gleich seine virtuellen und technischen Zipperlein schildert, die Bäckereifachverkäuferin, die am Kunden verzweifelt, der heute für morgen ein verbilligtes Brot von gestern bestellen möchte oder der Verfall des eigenen Körpers – dokumentiert anhand einer Bursitis, da Schleimbeutelentzündung zu rustikal klingt: Evers erschafft immer wieder neue Figuren, die ihm begegnen. Er selbst tappt dabei von einem Fettnapf in den anderen und zieht eine Spur der mentalen Verunsicherung durch seine Welt: Irgendwie scheint wirklich was dran zu sein an der Weltverschwörung gegen ihn.

Schon während der Kindheit in den menschenleeren Weiten Niedersachsens ging es los. Die drohende Aufforderung, seinen Teller leer zu essen, hat er nie ablegen können. Aber Fortschritte sind erkennbar: Mittlerweile unterlässt er es, in Restaurants auch die Speisen der Gäste am Nachbartisch weg zu futtern.

Mit Beisserchen, die seinen Zahnarzt daran erinnern, dass er schon lange nicht mehr die Akropolis besucht hat, hängt er im Behandlungsstuhl und kommentiert herrlich komödiantisch mit grenzdebil weit geöffnetem Mund lallend die Expertise seines Dentisten: Bei Evers genügt schon ein mimischer Wink, um das Publikum zum Rasen zu bringen.

Manch Kabarettkollege lässt am Ende alle Figuren und Ereignisse des Programms in einem Finale noch mal auftreten. Horst Evers macht das filigraner: Auch bei ihm taucht mancher Protagonist wieder auf; aber dort, wo man es nicht erwartet, etwa als heruntergekommener Trunkenbold, der – einst erfolgreich – in Leipzig aus dem Zug stieg, um schnell eine zu rauchen. Da ihm aber der Zug vor der Nase wegfuhr, bediente Evers einen Anrufer auf dem nun verwaisten Handy und veranlasste, statt in Immobilien in die Bücher eines gewissen Horts E. zu investieren: „Alle aufkaufen.“ Dabei würde sich das sicher lohnen…

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