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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Was sich liebt, neckt sich

MAINZ (21. Januar 2012). „Music was my first love“, singt der niederländische Musikkabarettist Hans Liberg als letztes Lied seines aktuellen Programms „Ick Hans Liberg“. Als hätte man das nicht schon geahnt: Musik ist für ihn tatsächlich die Liebe seines Lebens. Er ist vernarrt in das, was er dem Konzertflügel auf der Bühne des Frankfurter Hofes entlockt. Davor muss natürlich ein Publikum sitzen, das seine musikalischen Scherze entsprechend goutieren kann. Aber das Mainzer Auditorium erweist sich als hochmusikalisch und sangesfreudig („Sie sind wirklich das intelligenteste Publikum – oder war das in Mannheim?“). Die Show kann beginnen.

Was sich liebt, neckt sich – dieses Sprichwort trifft das musikalische Bühnentreiben Libergs. Wobei die Musik diese Neckereien über sich ergehen lassen muss, ohne sich wehren zu können. Liberg spielt zehn Instrumente – an diesem Abend agiert er als Pianist, Trommler, bläst das Sopransaxophon, zupft das Banjo und die E-Gitarre, spielt Blockflöte. Und er singt. Begleitet wird er von Schlagzeuger Ralf Adriansen und Juri Prunk am Schlagbass sowie seinem Praktikanten Daan Boom, der sich als veritabler Tänzer und Marionettenspieler erweist.

Obwohl sicherlich punktgenau konzipiert wirkt der Abend erfrischend planlos. Liberg greift in die Tasten, ortet Klassik im Banalen, dokumentiert die Musikalität seiner Landsleute mit einer Karaoke-Version der Matthäuspassion („Wir singen und klatschen in jedem klassischen Konzert mit…“), entdeckt Bachs Bardinerie aus der zweiten Orchestersuite in der Titelmelodie der „Sendung mit der Maus“ und erklärt den Unterschied zwischen Dur und Moll: Letzteres findet sich in Smetanas Moldau, die entsprechend moduliert plötzlich wie „Alle meine Entchen“ klingt.

Mit Argusohren spürt Hans Liberg den Mutationen der E-Musik nach und entdeckt sie in modernen Werbejingles für Waschmittel, Süßwaren und Autoscheibenrestaurateuren. Nebenbei, denn das Publikum fällt natürlich sofort in die angespielten Themen ein, deckt er die Eingängigkeit musikalisch untermalter Reklame auf.

Grenzen sind an diesem Abend einzig dazu da, um übertreten zu werden. Und die Klassik, laut Liberg eine ernste Angelegenheit, die ihn einlädt, heilige Kühe im lockeren Tanzschritt zur Schlachtbank zu führen, ist für ihn ein nie versiegender Quell. Der begnadete Scat-Sänger hat auch das Verjazzte für sich entdeckt: Bach, Beethovens „Pour Elise“ – kaum hat man etwas erkannt, präsentiert er das nächste, springt von Epoche zu Epoche. Aus „Smoke on the water“ erheben sie „Zwei kleine Italiener“ und Tschaikowskis „Schwanenballett“ mutiert zu einem Bach-Menuett.

Dazwischen gibt Liberg auch gerne politisch angehauchte Kommentare – natürlich nicht ohne Musik: Zu Berlusconi intoniert er „Bunga, bunga, bunga täterää“, zu Westerwelle „Sah ein Knab ein Rösler steh’n“. Nicht alles ist hochgeistig, manches eher platt. Aber auch hier ist Liberg nicht auf den Mund gefallen: „Es sind nicht die besten Lieder – aber es füllt.“ Der Rest ist Unterhaltung, destilliert aus hehrer Kunst und beherztem Könnnen.

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