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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Mit der verbalen Keule unterwegs

ALZEY (9. August 2012). „Ihr wollt es doch auch!“ Dieser Satz fällt nicht, während Ingo Appelt das Alzeyer Da capo-Festival mit seinem aktuellen Programm „Göttinnen“ eröffnet. Aber auch unausgesprochen schwebt er wie ein Menetekel über dem Schlosshof. Und der ist ausverkauft. Die Neugier, ob sich der zotige Zyniker tatsächlich gewandelt hat und das weibliche Geschlecht nicht mehr als Projektionsfläche seiner derben Anzüglichkeiten nutzt, scheint groß.

Tatsächlich hat er sie entdeckt, die „Göttinnen“ hinter der Zielscheibe. Und kräftig wanzt sich der selbst ernannte Messias („Kollege und Nachfolger von Jesus“) an jene Wesen heran, bei dem er immer zuerst auf die Augen schaut, diese „großen, runden Dinger mit den starren Pupillen“. „Halleluja!“, heißt es denn auch nach basslastigem Orgelgewummer, als Appelt die Bühne betritt, um die Damen in den Himmel zu geben und seine Geschlechtsgenossen in den Senkel zu stellen.

Schnell wird klar: Appelt hat das Vorzeichen geändert, nicht aber den Anspruch ein böser Bube zu sein. Die Mephisto-Tolle hat er abgelegt. Was er beibehalten hat, ist der Biss mit dem scharfen Zahn der Satire. Und hier schnappt er zu. Noch immer ist er ein begnadeter Parodist und den Grönemeyer gibt keiner so gut wie er. Auch seine Kollegen aus dem Fach hat er gut drauf: Johann König, Dieter Nuhr oder Michael Mittermayer.

Für kleine, fiese Gags holt er weit aus und schont keinen – den Papst schon mal gar nicht: „Kindesmissbrauch? Da war ich nicht dabei; fragen’s meinen Bruder.“ Oder Schäuble: für Appelt ein „Sitzenbleiber, einer, der nicht zu dem steht, was er sagt“. Was eigentlich eher peinlich ist, wird von Appelt dennoch derart penetrant bedient, das man schließlich doch lacht: nicht über Kindesmissbrauch und nicht über Rollstuhlfahrer – aber über das, was Appelt eigentlich anvisiert: Verlogenheit in Politik und Kirche.

Doch die Moral ist nicht die Sache dessen, der ein Liebeslied auf sein Geschlechtsteil singt, den an seinem Kosenamen „Pupsibär“ einzig die letzte Silbe stört und der natürlich gefühlt 187 Mal das F-Wort benutzt. Dass man sich trotzdem über weite Strecken köstlich amüsiert, liegt an der frechen Schamlosigkeit dieses Komödianten, der denn auch Pointen kreiert, die einen schier umhauen: Von den Kölner Bauarbeitern, die so arm sind, dass sie wortwörtlich von der Stütze leben müssten. Das dadurch eingestürzte Stadtarchiv nimmt Appelt als Sprungbrett zur griechischen Akropolis: „Auch alles kaputt.“

Dazwischen ein paar Erkenntnisse: „Frauen sind nie Schuld, sondern haben Gründe.“ Dann ein paar bekannte Zoten vom rasierten Intimbereich, ein bisschen Diplomatie rund um das weibliche Gesäß, Junggesellenabschiede. Der rote Faden in „Göttinnen“ ist schon bald gerissen. Aber stört das wirklich? Man will doch nicht nachdenken, sondern sich kitzeln lassen. Und einer wie Appelt schlüpft nur zu gerne ins Gewand des Hofnarren: Man will es doch auch.

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