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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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„Es geht um Befindlichkeiten“

MAINZ (15. Februar 2016). Das neue Programm des Kabarettisten Arnulf Rating heißt „Rating akut“. Was er seinem Publikum mit diesem Titel verschreibt, lässt er im Interview mit schreibwolff.de anklingen.

schreibwolff.de: Der Name Ihres neuen Programms klingt wie eine Medizin.

Arnulf Rating: „Akut“ beschreibt einen momentanen Zustand. Sie stehen morgens auf und fühlen sich schlecht. Ist das noch die Folge einer Lebensmittelvergiftung aus der Fastnacht oder ist es der Stress mit dem Partner. Brauchen Sie ein Schmerzmittel oder einfach erst mal ein gutes Frühstück? Es ist also im Kabarett wie im wirklichen Leben: Es geht um Befindlichkeiten. Und um das richtige Rezept.

schreibwolff.de: Das Wort „akut” heißt: vordringlich, brennend und unmittelbar. Welche Themen sind für Sie denn akut?

Arnulf Rating: Natürlich geht es viel um unseren Umgang mit dem „Fremdeln“ im globalen Einerlei. Diese Worte vordringlich, brennend, unmittelbar: Das klingt ja schon wie Politikersprech – unmittelbar aus dem heißen Wahlkampf in Rheinland-Pfalz mit seinen brennenden Problemen, die von den Politikern vordringlich angefasst werden. Ich empfehle: Erst mal gut frühstücken, bevor man sich von irgendjemand mit seinen komisch durchnummerierten Plänen abspeisen lässt.

schreibwolff.de: Wenn man morgens die Zeitung aufschlägt, vergeht einem eher das Lachen. Im Kabarett findet man es wieder, obwohl es oft um die gleichen Themen geht. Wie funktioniert das?

Arnulf Rating: Lachen ist eine Frage der Perspektive. Wenn ich auf der sprichwörtlichen Bananenschale ausrutsche und mir eine blutige Nase hole, tut das weh. Von außen betrachtet kann das aber sehr komisch aussehen. Auch ich kann über mein Ungeschick vielleicht bald selber wieder lachen. Zum Humor gehört es, Abstand zu gewinnen. Und zu erkennen, dass Zustände überwindbar sind. Die Zeit dafür nehmen wir uns im Kabarett. So haben wir die Chance, ernsthaft zu lachen. Das kann akut helfen.

schreibwolff.de: Ist die Tagesaktualität für einen Kabarettisten derzeit nicht besonders anstrengend?

Arnulf Rating: Vielleicht kommen wir einfach noch nicht so gut klar in unserer vernetzten Digitalwelt. Es hat sich akut eine mobile „Wisch und-weg“-Kultur entwickelt. Wir brauchen immer neuen Stoff. Zum Wegwischen. Das Wischen ersetzt aber nicht das Nachdenken. Diese komische Kopflosigkeit ist nicht nur anstrengend, sie wirkt auch angestrengt. Die Politiker sagen ihre Aschermittwochsveranstaltungen ab wegen eines tragischen Zugunglückes. Wir haben aber fast jeden Tag die gleiche Anzahl von Unfallopfern im Straßenverkehr. Da wischen wir so drüber weg. Wir haben täglich unglaubliche Opfer durch Krieg oder Flucht. Der Grund: Falsche Weichenstellung in der Politik. Aber wir machen weiter. Wisch. Das ist tragisch. Wir sind akut wie ein Hühnerhaufen und in den Talkshows wird wie wild gegackert. Mit einem gewissen Abstand betrachtet ist das schon verdammt komisch.

schreibwolff.de: Was raten Sie Ihrem Publikum?

Arnulf Rating: Schlucken Sie nicht alles! Vorsicht vor allen dicken Pillen, die derzeit in Umlauf sind. Nicht alles, was als Heilmittel angepriesen wird, hilft wirklich. Seien Sie kritisch gegenüber allen Wunderheilern. Ein Arzt kann manchmal helfen. Aber fragen Sie zu Risiken und Nebenwirkungen nicht immer nur den Arzt oder den Apotheker. Denn mit denen ist es wie mit Politikern oder Waffenhändlern: Sie haben starke Mittel im Angebot. Aber sie leben von der Krankheit und haben deshalb ein Interesse, dass die Krankheit am Leben bleibt.

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