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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Der Stammtisch in uns

MAINZ (14. April 2015). Seit Jahrzehnten steht Gerd Dudenhöffer als Heinz Becker auf den deutschsprachigen Kleinkunstbühnen. Dessen streng vom inneren Jägerzaun begrenztes Weltbild zeichnet der gelernte Graphiker mit spitzer Feder nach. Den Erfolg dokumentieren bald 16. Programme. Im Mainzer Unterhaus erhielt er jetzt den Ehrenpreis des Landes Rheinland-Pfalz zum Deutschen Kleinkunstpreis 2015. Aus diesem Anlass traf man sich zum Interview und saß einem Dudenhöffer ohne Kappe, kariertes Hemd und Hosenträger gegenüber. Den Heinz Becker spielt er ja nur…

schreibwolff.de: Herr Dudenhöffer – gehen wir doch mal an den Anfang Ihrer kabarettistischen Karriere zurück. Wie entstand die Figur des Heinz Becker? Gab oder gibt es ein reelles Vorbild?

Gerd Dudenhöffer: Ich kannte früher eigentlich nur Jürgen von Manger, den legendären Adolf Tegtmeier – auf ihn könnte man als Vorbild als erstes kommen, vor allem auch äußerlich. Aber daran hatte ich damals gar nicht gedacht: Die Figur des Heinz Becker ist mir einfach so passiert – so etwas kann man nicht konstruieren. Heinz Becker ist, wenn man so will, ein Abbild eines Kollegen und seines Bruders, die in den 1980er Jahren bei mir zuhause eine Holzdecke eingezogen hatten. Denen habe ich zugeguckt – und vor allem zugehört. Und ich merkte, dass wir alle so sind – ich spreche mit Heinz keine bestimmte Gruppe an, sondern jeden, der im Publikum sitzt. Heinz ist wie ein Spiegel, in den hineinzuschauen man sich trauen muss.

schreibwolff.de: Wie alt ist Heinz eigentlich?

Gerd Dudenhöffer: Allmählich hole ich ihn ein. In meiner Vorstellung war er immer so um die 60 herum. Als er das erste Mal auf der Bühne stand, war ich 30 Jahre alt. Heute sind wir etwa gleich alt. Wenn ich aber merke, dass ich sehr viel älter werde als Heinz und geistig nicht mehr so flexibel bin, wie es diese Bühnenfigur von mir fordert, höre ich auf. Ich muss ihn noch beherrschen können.

schreibwolff.de: Erinnern Sie sich denn an Ihren ersten Auftritt als Heinz Becker?

Gerd Dudenhöffer: Ich glaube, Heinz betrat zum ersten Mal Anfang der 1980er die Bühne, im Saarbrücker „Theater im Stiefel“. Ich drehte mich um, zog eine Jacke an und setzte die berühmte Mütze auf – allein das amüsierte das Publikum schon gewaltig: offenbar zum richtigen Zeitpunkt die richtige Handlung. Und dann habe ich einfach gefragt ob der Meier-Kurt da sei. Die Leute bogen sich vor Lachen – keine Ahnung, warum. Aber die Figur kam richtig gut an: Heinz redet einfach drauf los und hört nicht mehr auf. Eigentlich war das nur ein einziger Sketch – was daraus geworden ist, hätte ich mir nie vorstellen können.

schreibwolff.de: Wie ist die Figur angelegt? Gab es eine Entwicklung hin zum heutigen Heinz?

Gerd Dudenhöffer: Früher schwadronierte Heinz nur über Auslegeware, die Kaffeemaschine, seine Frau Hilde – aber Themen wurden niemals ernsthaft behandelt. Der Fokus lag auf der Unterhaltung, worauf ja auch die Fernsehserie in den 1990er Jahren abzielte. Vor fünf, sechs Programmen machte ich mit der Figur dann einen Schritt hin zu Fragen, an die ich mich zuvor nicht herangetraut hatte. Bis dahin waren der Applaus und das Lachen meine Quittung, die zeigte, dass es funktioniert. Aber dann dachte ich mir, Heinz müsste doch auch mal etwas eigentlich gar nicht Komisches auf der Bühne sagen, worüber sich das Publikum dann trotzdem amüsieren kann – dieser offensichtliche Widerspruch reizt mich bis heute. Da erzählt der Heinz eigentlich ganz schreckliche Dinge, doch man lacht, weil es ja nur gespielt ist. Nehmen Sie nur mal das Thema Homosexualität – Heinz tut sich unheimlich schwer, auch nur das Wort auszusprechen.

schreibwolff.de: Wie reagiert das Publikum auf diesen Sinneswandel?

Gerd Dudenhöffer: Das ist zuweilen sehr spannend zu beobachten, denn oft treffe ich einen empfindlichen Nerv: Eben hat der Heinz doch noch etwas Lustiges über seinen Garten erzählt und plötzlich wird’s ungemütlich. Das ärgert viele. Ich habe mit diesem Schritt sicherlich einige Zuschauer verloren – aber eben auch neue gewonnen. Und das war es wert: Die anfangs eher flache Figur gewann an Tiefe. Heinz hat dabei die gleiche Denkweise wie früher, redet aber jetzt über andere Dinge.

schreibwolff.de: Diese Figur ist wirklich manchmal unangenehm. Darf man ihr deshalb böse sein?

Gerd Dudenhöffer: Natürlich soll man sich an ihr reiben. Aber Heinz ist nicht bösartig. Er weiß ja nicht, welche Sprengkraft in seinen naiven Betrachtungen und Äußerungen steckt. Die Boshaftigkeit des Thematischen ist eher abstrakt und potenziert sich mit dem Lachen der Zuschauer – ein faszinierendes Spiel.

schreibwolff.de: Wer Heinz Becker auf der Bühne erlebt hat und Sie dann privat kennenlernen darf, dem fallen vielleicht Robert Stevensons Romanfiguren Dr. Jekyll und Mr. Hyde ein. Wie nahe steht Gerd Dudenhöffer seinem Heinz?

Gerd Dudenhöffer: Ich lebe auf der Bühne nichts aus. Das ist eher wie im Karneval, wo jeder Mal Cowboy sein möchte. Manchmal kommen wir uns beängstigend nahe und dann ist wieder ein riesengroßer Spalt dazwischen – vor allem dann, wenn ich die Programme schreibe und die Figur sozusagen fernsteuere. Aber es gibt immer wieder Dinge und Situationen, in denen man erkennt, dass man wie Heinz Becker denkt oder reagiert.

schreibwolff.de: Fühlen Sie sich dann ertappt?

Gerd Dudenhöffer: Nein, denn Heinz ist ja eine Fiktion – allerdings eine, die offenbar täuschend echt ist: Mein Tour-Manager, der mich ja immer wieder auf der Bühne erlebt, hat mir schon öfters gesagt, er habe den Eindruck einen komplett anderen Menschen zu sehen. Es macht mir eben Spaß, bitterböse Geschichten zu erzählen. Das kennt man auch von Gerhard Polt. Und weil es ja ein Spiel ist, ist Lachen auch erlaubt. Manchmal kommt es verhalten, manchmal gequält oder hinter vorgehaltener Hand. Wenn man sich hier ertappt fühlt, dann vor allem von sich selbst.

schreibwolff.de: Es ist ja schon vorgekommen, dass man Ihnen Ihre Figur übel nimmt und sogar vorwirft, durch sie eigene Meinungen zu äußern. Ein fatales Missverstehen, oder?

Gerd Dudenhöffer: Heinz ist gespielt. Wenn ich über ihn meine eigene Meinung zu ver-schiedenen Themen äußern würde, wäre das ja feige. Aber tatsächlich erlebe ich immer wieder, dass es im Publikum totenstill ist, wenn Heinz sich mit Aussagen beispielsweise über die deutsche Vergangenheit auf dünnes Eis begibt. Da könnte eine Stecknadel zuweilen schon mal ein akustisches Inferno auslösen. Dann steht man auf der Bühne und hofft auf Lacher, wenigstens einen, der die Pointe begreift oder zumindest Widerspruch wagt. Wenn das nicht eintritt, bekomme ich es durchaus schon mal mit der Angst zu tun – vor allem dann, wenn Heinz Recht gegeben wird! Das ist dann fatal. Solche Spielstätten werden dann von zukünftigen Tourneeplänen gestrichen. Da sehe ich mich ganz klar in der Verantwortung. Zum Glück gibt es auch Vorstellungen, in denen wirklich jeder Witz verstanden wird.

schreibwolff.de: Wie kommt Heinz eigentlich zu seinen Ansichten?

Gerd Dudenhöffer: Sein Weltbild ist sehr klein und seine Informationen dürfte er aus der Boulevard-Presse beziehen. Aber darüber will und darf ich mich nicht lustig machen. Ist mein Weltbild so viel anders, weil ich als Kabarettist viel herumkomme? Vielleicht ist es ja größer. Aber besser? Und weniger engstirnig? Da stelle ich mich auch immer ein bisschen schützend vor Heinz, denn ich möchte mit ihm keineswegs den Kleinbürger bloßstellen. Wenn ich einem den Spiegel vorhalte, muss ich da auch selbst reingucken.

schreibwolff.de: Gibt es Themen, die für Sie tabu sind?

Gerd Dudenhöffer: Ich kenne im Augenblick keine. Aber vielleicht stoße ich mal auf welche, bei denen Kabarett und Satire partout nicht das richtige Mittel sind. Man muss immer wachsam sein: 1992 hatte ich etwas über Ausländer im Programm – und nach dem feigen Brandanschlag durch Neonazis in Mölln habe ich diese Passage sofort ersatzlos gestrichen. Da ist Fingerspitzengefühl gefragt und wenn das fehlt, sind Vorwürfe berechtigt. Manchmal gibt es einfach nichts zu lachen – selbst wenn es noch so gut gespielt ist. Die Figur Heinz kann und darf eben auch nicht alles.

schreibwolff.de: Wer Sie auf der Bühne erlebt, dem fällt auf, dass Heinz kaum eine Miene verzieht. Hat er denn nichts zu lachen?

Gerd Dudenhöffer: Er amüsiert sich durchaus – vor allem über seine eigenen Witze. Aber Heinz findet das, was er erzählt, ja nicht lustig. Manchmal macht es ihm auch Angst und er versucht, es durch Banalität zu bändigen. Genau das habe ich zu spielen. Dabei muss ich mir durchaus selbst schon mal auf die Zunge beißen. Heinz hat einen ganz eigenen Humor, der sich vor allem dann zeigt, wenn man am Stammtisch über einen anderen lacht. Das kommt aber dann nicht aus der Seele und hat etwas Maskenhaftes.

schreibwolff.de: Hat Heinz eigentlich eine Mission?

Gerd Dudenhöffer: Ich möchte mein Publikum ermuntern, sich auch vermeintlich unangenehmen, weil ihnen fremden Themen gegenüber lockerer und offener zu verhalten. Die heute 86-jährige deutsch-amerikanische Sexualtherapeutin Ruth Westheimer hat empfohlen, viele Dinge mit Humor zu nehmen. Und sie hat Recht! Frauen gelingt das in meinen Programmen übrigens viel besser. Wer über Heinz richtig lacht, lacht vor allem auch über sich selbst, weil er sich wiedererkennt. Eine zweite Mission ist vielleicht auch, für gegenseitige Toleranz zu werben – selbst, wenn es schwerfällt. Die meisten Probleme entstehen doch, weil die Menschen nicht miteinander reden, weil keiner den ersten Schritt wagt. Sehen Sie sich doch nur mal die aktuellen Religionskriege an. Heinz zeigt einem vor allem eines: Indem man sich von ihm abgrenzt und sagt, so bin ich nicht, ist man es doch schon.

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