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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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„Schlechte Satire ist keine“

MAINZ (7. Januar 2016). Freitags versammelt sich die TV-Gemeinde vor dem Fernseher und wartet gespannt auf die neuesten Kommentare in der satirischen „heute-show“, der Kabarettist Martin Buchholz schrieb jüngst sogar ein satirisches Lexikon und auch Henning Venske, Ehrenpreisträger des Deutschen Kleinkunstpreises 2010, veröffentlichte jetzt ein Buch zum Thema: „Satire ist nur ein Affe im Hirn“. Mit ihm sprachen wir über Anliegen und Auftrag sowie Grenzen dieser literarischen Gattung.

schreibwolff.de: Nach den Pariser Anschlägen im November des vergangenen Jahres haben manche Kollegen bewusst pausiert, manche sind ebenso bewusst aufgetreten. Wie haben Sie sich verhalten?

Henning Venske: Tja, das ist eben eine Frage des Bewusstseins, hoffentlich. Wenn einerseits ein Satireprogramm von einer Fernseh- oder Rundfunkanstalt anlässlich tiefster Betroffenheit infolge eines Terroranschlags abgesetzt wird, andererseits aber der Börsenbericht und die aus dem Anschlag resultierenden Kursschwankungen der Waffen-Industrie gesendet werden, kann man aus dieser bigotten Haltung eine feine Satire machen.

schreibwolff.de: Aber ausblenden kann man das doch nicht?

Henning Venske: Ich denke nicht „The Show must go on“ unter allen Umständen. Es gibt private Gründe, einen Auftritt abzusagen. Aber bei einem Terroranschlag sehe ich keinen Grund, nicht aufzutreten – im Gegenteil: Der Satiriker kann das Geschehen analysieren und im Rahmen seiner Möglichkeiten kritisch kommentieren. Im Übrigen gäbe es jeden Tag Gründe auf Bühnenauftritte zu verzichten: hunderte von Ertrinkenden im Mittelmehr, hunderte von Bürgerkriegsopfern in Afrika; und was die Bürgerinnen und Bürger von Paris erleiden mussten, das ereignet sich in Bagdad, Aleppo, Damaskus oder Beirut seit Jahren Tag für Tag. Gilt da ein anderes Bewusstsein?

schreibwolff.de: Wie wirken solche Ereignisse auf einen Satiriker? Machen sie eher wütend, traurig, müde oder sogar mutlos?

Henning Venske: Diese Ereignisse sind die unmittelbaren Folgen einer verfehlten Politik des Westens. Und die macht mir schon seit Jahren eher Lust auf eine Revolution.

schreibwolff.de: Bedeuten solche Verhältnisse nicht automatisch schlechte Zeiten für Humoristen und Satiriker? Oder sind sie vielleicht sogar eine Inspirationsquelle?

Henning Venske: Terror eine Inspirationsquelle? Ich heiße doch nicht Bush! Ich bezweifle auch, dass Humoristen und Satiriker aus derselben Quelle schöpfen. Ich jedenfalls benötige keinen Terror, um mich inspirieren zu lassen. Die herrschenden Verhältnisse liefern auch ohne Terror genügend Satire-Stoff.

schreibwolff.de: Was Satire darf, ist schon oft diskutiert worden. Was macht eine gelungene Satire überhaupt aus?

Henning Venske: Die präzise Analyse kritikwürdiger Zustände einem Publikum in literarischer Form pointiert dargeboten.

schreibwolff.de: Wo sehen Sie die Grenzen der Satire, was sollte sie vermeiden?

Henning Venske: Niemand hat das Recht, der Satire Vorschriften zu machen. Ich sehe die Grenzen meiner satirischen Tätigkeit da, wo ich sie ziehe. Mein Credo lautet: Satire „darf“ sich nicht „alles“ gestatten: Antisemitismus, Antikommunismus, Kinder-, Frauen-, Altenfeindlichkeit, Homophobie, Rassismus und Ausländerfeindlichkeit, Nationalismus oder Volksverhetzung disqualifizieren jeden Satiriker.

schreibwolff.de: Der Titel Ihres Buches – „Satire ist nur ein Affe im Hirn“ – liest sich wie eine Einschränkung der Möglichkeiten dieser verbalen Waffe…

Henning Venske: Das sehe ich nicht so. Aber man muss schon sehr genau hinschauen, wer welche verbalen Waffen auf Grund welcher Interessen und welcher Analyse benutzt. Schimpfen allein reicht nicht. Und schlechte Satire ist nun mal keine.

Henning Venske: „Satire ist nur ein Affe im Hirn“, Westend-Verlag, 167 Seiten gebunden, ISBN 978-3-86489-117-5 (14 Euro)

Martin Buchholz: „Missverstehen Sie mich richtig! – Ein satirisches Lexikon“, Bebra-Verlag, 234 Seiten gebunden, ISBN 978-3-86124-692-3 (19,95 Euro)

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