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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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„Lappen weg“ oder wenn Frauen ohne Regel(n) leben

MAINZ – Methadon für „Missfits“-Abhängige: Mit dem kabarettistischen Kammerspiel „Lappen weg“ von Autor und Regisseur Dieter Woll ist Gerburg Jahnke – bis 2005 Partnerin von Stephanie Überall als die legendären „Missfits“ – gemeinsam mit drei anderen Damen auf Tour.

Lappen weg? Das bedeutet nicht nur Punkte, Geldstrafe und eine Zeit lang den Verkehr im Bus zu genießen, sondern für den Deutschen auch eine mittelschwere Identitätskrise. So auch bei Helma Langanke (Gerburg Jahnke), Tiziana Grandi (Francesca De Martin) und Ellen Weiss (Jutta Jahnke), die sich in „Lappen weg“ gemeinsam mit Psychologin Gabriele Genschk (Andrea Bongers) um ein baldiges Wiedersehen mit der Fahrerlaubnis kabbeln.

Die Rollen sind den Damen allesamt auf den Leib geschrieben und besonders Gerburg Jahnke glänzt in ihrer Rolle der Deutschlehrerin. Alle haben sie ihre Probleme und Maläsen: Signora Grandi wurde erwischt, wie sie während des Fahrens aß, sich die Nägel lackierte und telefonierte, Polizistin (!) Weiss war zu schnell auf 180 und Studienrätin Langanke hatte zu viel Dosen-Prosecco intus: „Das ist bei Lehrern berufsbedingt.“ Aber auch Kursleiterin Genschk, die von ihren drei Probanten nicht so ganz für voll genommen wird, ist nicht ohne. Oder doch: seit zwölf Jahren ohne Sex, dafür aber mit einem gleichaltrigen 120 Kilo-Kind namens Leander gesegnet.

Der Verkehr – und hier ist jetzt nicht der mit dem Vorwort Straßen- gemeint – ist allgegenwärtiges Thema: „Wie nennt man eine Polizistin, die ihre Tage hat? Red Bull“, beschwert sich Weiss und Pädagogin Langanke zeigt die derzeit auf dem Schulhof kursierenden Handyfotos, auf denen ihr Lehrkörper mit dem des Pennälers Sven verschmilzt. Tja: Wenn bei Damen auf der Schwelle zu ihren Wechseljahren die eigene Regel ausbleibt, ist die mangelnde Motivation, sich fremden zu unterwerfen, nur allzu verständlich.

Die feminine Schicksalsgemeinschaft unterhält einfach glänzend. Gekonnt setzen die Jahnke-Schwestern, De Martin und Bongers ihre Spitzen. Ein herrlicher Seitenhieb auf die Mediation lässt Genschk „die Themen, die uns jetzt nicht weiterbringen auf den Parkplatz“ abstellen und gekonnt wird mit der Stimmung im Publikum gespielt: Eben noch fast zu Tode amüsant reißt Jutta Jahnke als Ellen Weiss die Heiterkeit nieder, wenn sie von ihren Einsätzen als Polizistin bei Kindesmisshandlungen berichtet, um gleich darauf zu jammern, dass sie mit ihrem Jens keine Kinder bekomme und auch nicht so adoptionswütig sei wie Angelina Jolie.

Die Rede ist von körperlichem Verfall, von Zärtlichkeit und Kinderwunsch, von Schönheit und Operationen; es wird gesungen und gespielt, verdrängt und vermittelt. Schließlich kommt zum Eklat: Polizistin Weiss zieht die Waffe und erzwingt die vorher noch verweigerte Unterschrift auf der Kursteilnahme-Bestätigung.

Etwas unvermittelt und viel zu schnell naht das Ende und beschließt einen trotzdem unheimlich vergnüglichen Abend. Ob die feminine Schicksalsgemeinschaft ihre „Lappen“ wieder bekommt, bleibt offen. Aber vielleicht stehen sie ja demnächst an einer Autobahnausfahrt und bitten mit erigiertem Daumen um Mitnahme. Wer sie dann mitnimmt, wird diese Autofahrt so schnell nicht vergessen…

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