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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Der Udo Jürgens unter den Kabarettisten

MAINZ (10. November 2012) Bei einst guten Sängern im klassischen Bereich hofft man inständig, sie mögen verstummen, solange man ihre Stimme noch als sonor im Gedächtnis hat – Jochen Busse hingegen dreht mit über siebzig Jahren noch mal so richtig auf und präsentiert – unglaublich, aber wahr – sein erstes Kabarett-Solo: „Wie komm ich jetzt da drauf?“ heißt es und würde einem übelwollenden Kritiker eine Steilvorlage für den Verriss bieten.

Das aber tut es gerade nicht: Busse brillierte in der Vergangenheit als Ensemble-Spieler und bewies sein Talent unter anderem beim Düsseldorfer Kom(m)ödchen, der Münchner Lach- und Schießgesellschaft oder später im Fernsehen bei „Nur für Busse“, „Die Hinterbänkler“ oder „7 Tage, 7 Köpfe“ und zuletzt sogar als kleinkunstpreisgekröntes Duo mit Henning Venske. Jetzt also solo im Unterhaus – und weiterhin richtig gut.

Das Sujet, dessen sich Busse annimmt, passt wie angegossen und ist auf der Kleinkunstbühne – das mag man bedauern – äußerst zielgruppenorientiert: Er hat das Altern im Visier und kann sich hier delikat selbstironisch in den erfundenen Figuren spiegeln. Da ist der Freund, der mittlerweile mit Schaffnermütze auf dem Treppenlift durchs Stiegenhaus kurvt oder das Paar, das es aufs Land zieht: „Dahin kommt keine Sau – oder eben nur die!“ Zwischen beiger Trekkingjacke und Funktionshose spielt Busse sein Stück im requisitenarmen Bühnenbild einer leeren Wohnung nach der „Ausweihungs-Party“: Fünfter Stock geht nicht mehr.

Das Besondere des Abends ist aber nicht nur das, was diese perfekt aufeinander abgestimmte Mixtur aus Kabarettist und Comedian erzählt, sondern natürlich auch das wie: Busses Physiognomie, jene Kantigkeit, die dem 71-jährigen impulsive Agilität schenkt und jene gepresste Stimme, mit der er sich so herrlich echauffieren kann, indem er jeder Silbe nachdrücklich ihre eigene Betonung gibt, sind seine Markenzeichen.

Er kann sich erregen, dass man meint, ihm platze gleich die Aorta und genau so schnell kühlt er wieder ab, um nonchalant weiter zu plaudern. Natürlich funktioniert eben das am besten im Ensemble, wo sich diese preußische Korrektheit im Gegenüber tragikomisch brechen kann. Doch auch solistisch klappt das überraschend gut.

Das geschickt konstruierte Bühnenprogramm ist dabei das zweite Pfund, mit dem gewuchert wird: Busse erzählt und verirrt sich in seinen Gedankengängen; wie ein roter Faden zieht sich das Erinnern und Vergessen durch den Vortrag, der köstlich in der „Hühnersprache“ („Ihidefich bihidefin usw.“) als Anti-Alzheimer-Übung eröffnet wird. Dazu politische Randnotizen und Gedanken über Gott und die Welt, Mann und Frau oder Hund und Koi im Gartenteich. Wie auch immer er „jetzt da drauf“ kommt, Busse gibt jedem seiner Gags den richtigen Schwung für ein stimmiges Ganzes. Und wehe, der hört zu früh auf!

Weitere Informationen und Termine gibt es im Internet unter http://www.jochenbusse.de.

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