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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Jochen Malmsheimer oder Genie trifft Sinn

MAINZ – Das Studium der Germanistik und Geschichte hat er damals abgebrochen, um Buchhändler zu lernen: Graue Theorie versus angewandte Praxis. Zum Glück: Was wäre den deutschsprachigen Kabarettbühnen vorenthalten worden!

Ein Wortakrobat, der Texte so kunstvoll schnitzt wie einst Tilmann Riemenschneider seine Altäre: „Ich bin kein Tag für eine Nacht oder: Ein Abend in Holz“ heißt das gespielte Programm: „Für Sie ist das ein blöder Satz – aber ich wache morgens auf und muss damit einen Abend füllen“. Den tiefen Sinn erfährt das Publikum erst am Schluss, denn vorher geht es auf eine Gala der Dachdeckerinnung, in die Stammkneipe, Küche und schließlich auf eine Flugzeugtoilette.

„Ich persönlich spreche sehr gerne. Ich rede eh’ den ganzen Tag dummes Zeug – aber ab 20 Uhr bekomme ich Geld dafür“, nimmt sich Malmsheimer selbst auf den Arm. Doch sein „Zeug“ ist alles andere als „dumm“: Aberwitzig, aber witzig deklariert Malmsheimer seine Texte, erzählt vom schmerzhaften Tritt in den Legostein und der nicht minder peinvollen Erfahrung mit Unterdruck in 10.000 Metern Höhe.

Vorher wurde gut gegessen – aber ohne Kamera: „Es gibt Leute, die sich beim Kochen filme lassen“, lautet das inbrünstige Lamento – Malmsheimer könnte auch den Hamlet geben und so ganz nebenbei kommt die binsenweise Pointe: „Kochen endet im Essen – wenn das mehr Menschen wüssten, würde anders gekocht…“ Terrorisiert vom kulinarischen Sendungsbewusstsein zahlreicher Privatsender hat er sich nun selbst aus Sattelitenschüssel und Autobatterie sein Studio zusammengeflanscht und schickt mit einem Kartoffeln kochenden Gast die Finessen der Nouvelle Cuisine in den Äther: Kochen mit Jochen.

Der zweite Teil des Abends gehört einer einzigen Nummer, deren Idee, das gibt Malmsheimer frank und frei zu, bereits von Otto Waalkes und Woody Allen in Witz gegossen wurde: der Blick in den menschlichen Körper, die schüchterne Spermazelle mit der dicken Brille und „Großhirn an Kleinhirn“.

Doch Malmsheimer entwickelt das Szenario auf zwei Ebenen: Außen der schlaksige Jugendliche „in großvolumiger Textilhülle“, der in einer Disco von einem attraktiven Mädchen abgeschleppt wird und innen eine aus dem Stand by-Modus hektisch hochgefahrene Schaltzentrale, in der das Adrenalin mit der obersten Verstandesleitung, Testosteron und Hormonen und dem Gewissen zu kämpfen hat. Immer wieder wird umgeschaltet: Grellgelb erstrahlt die Tanzbühne, die Hemisphären glimmt im matten Blau.

Man kommt sich vor wie in einem U-Boot, wenn die Maschinerie des von Kölsch benebelten Intellekts angeworfen wird: „Alle Mann auf Gesprächsstation – alles klar zum Gedicht!“ Hier sinken Stift und Block auf den Grund und gebannt folgt man der Reise auf den Gehirnströmen: Bloß nichts verpassen! Diese Szenerie hätte selbst Hieronymus Bosch als übertrieben empfunden, schmunzelt Malmsheimer.

Es ist einfach ein geradezu sinnlicher Genuss, dem Mann zuzuhören: Die sonore Stimme und der Duktus seiner Sprache schmeicheln dem Ohr, Mimik und Gestik verwöhnen das Auge und die filigran kreierten Sätze sind wie Balsam auf den vom hektisch getriebenen Alltag angerauten Synapsen. Läse Jochen Malmsheimer die Speisekarte eines gehobenen Restaurants vor, man würde allein vom Lauschen satt – und zunehmen.

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