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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Hauptsache Herzensbildung

MAINZ (3. April 2017). Wie kommt ein Kabarettist zu seinem neuen Programm? Diese Frage, die sicherlich zuweilen bleischwer über Künstlern hängen mag, steht vor dem neuen Sprachabenteuer von Jochen Malmsheimer im Unterhaus. Ausgerechnet eine Busreise nach Venedig wird zur Inspiration für „Dogensuppe Herzogin – ein Austopf mit Einlage“, so der Name des Programms mit überraschend vielen Ebenen und ergreifender Botschaft.

Der Reihe nach: Gewohnt wortgewaltig schildert Malmsheimer Packen und Reiseantritt, mangelnde Beinfreiheit und Bordunterhaltung. Ob das Ehepaar hinter ihm („In marine-beige!“) oder die Jugend auf der Rückbank („Generation Glotz-auf-die-Hand“) – alles wird wunderbar detailliert geschildert, wobei die Stringenz der Handlung durch Ausflüge in Malmsheimers Adoleszenz amüsant durchbrochen wird.

Würde er aus einer daumendicken EU-Verordnung vorlesen, man hinge ebenfalls an seinen Lippen: Die stilvoll installierten Satzgebilde gleichen meisterhaft verzierten Arabesken und erinnern an die Putten und Girlanden in barocken Sakralbauten. Hier regiert sprachverliebte Genauigkeit, ist buchstäblich „kein Iota“ zu viel. Und woran Malmsheimer sein Talent schärfte, wird bald offenbar: In einer Traumsequenz, hervorgerufen durch das sonore Brummen des Busmotors und den Kartoffelsalat zweier Mitreisender, erscheinen dem Globetrotter die Helden aus den einst mit Taschenlampe unter der Bettdecke verschlungenen Büchern seiner Kindheit.

Natürlich ist auch dieses Treffen von Robin Hood, Ivanhoe, Käpt’n Ahab, John Long Silver, Odysseus oder Jim Knopf wunderbar komisch geschildert. Doch hat es einen ernsten Kern: Malmsheimer lässt sich von den literarischen Heroen zu einer mitreißenden Rede für das (Vor-) Lesen inspirieren, woraus Bildung und Herzensgüte als Garanten eines friedlichen Zusammenlebens entstünden. Dabei bezieht er klar und in einem Atemzug Stellung gegen Verdummung und Nationalismus: Sein Statement gegen Rassismus auf der einen und religiöse Intoleranz auf der anderen Seite zeigt, wie flammend-politisch auch literarisches Kabarett sein kann.

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