Start

Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

Service

» Kleinkunst

Spaßige Familienchronik

MAINZ (13. April 2016). Eigentlich hat er ja gar keine Lust auf diesen Abend. Der letzte in Osnabrück war auch schon eine Katastrophe. Ständig schaut Johann König auf die Uhr, der Vortrag aus seinem neuen Buch ist schluderig, das Publikum nervt.

Eigentlich würde man einen solchen Künstler ausbuhen, der Kritiker einen veritablen Verriss schreiben. Aber es ist eben Johann König, der an diesem Abend im Frankfurter Hof auftritt. Und da gehören die phlegmatische Abweisung wie der genuschelte Text eben zum Programm.

Das Publikum liebt ihn dafür, zuweilen klingt das Gekicher der Dame vor einem nach geradezu Furcht einflößenden Schnappatmung – sie wird sich doch nicht totlachen? Grund genug hat sie, denn Johann König nimmt sein Auditorium mit zu sich nach Hause, genauer gesagt in den Kölner Stadtteil Nippes, wo Familie König wohnt. Man ist zu fünft: Vater, Mutter und drei Kinder, für König „Kleinmenschen“. Im Buch haben sie keine Namen: Es ist der Große (5), die Mittlere (3) und die Kleine (1).

Das Buch, zu dem sie König inspiriert haben und aus dem er vorliest, heißt „Kinder sind was Wunderbares“. Doch wer König kennt, weiß, dass es ohne relativierenden Untertitel nicht geht – und der lautet: „Das muss man sich nur immer wieder sagen.“ Wobei die Worte „immer“ und „wieder“ in Großbuchstaben gedruckt sind. Der Autor dehnt seinen Erfahrungsreport auf ein ganzes Jahr aus und nimmt sich hierfür rund 360 Seiten lang Zeit. In Tagebuchform verfasst und in kleinere Zeitabschnitte spartiert ist daraus ein herrlich absurdes Panoptikum einer „schrecklich netten Familie“ geworden.

Der Reiz der Schilderung liegt vor allem in der vorgegebenen inneren Distanz des Erzeugers zu seinem Nachwuchs. Was Moral und Anstand verbieten und man selbst sich niemals eingestehen würde, darf sich der Romancier erlauben. König genießt das und schenkt dem Leser wie Zuhörer eindringliche Schilderungen voller herrlich greller Ironie.

Ganz am Schluss des Abends wird der Künstler dann für einen Moment ernst und spricht vom Glück, seine Familie zu haben – und in diesem Moment weiß man einen liebenden Familienvater vor sich. Natürlich wird dieser nachgereichte Persilschein mit der nächsten Pointe sofort wieder zerrissen.

Königs Stil ist tatsächlich zum Brüllen komisch. Da wird von einem Ausflug in den Zoo erzählt, bei dem „die Mittlere“ in das Erdmännchen-Gehege fällt. Doch anstatt zu helfen, lässt König sie einfach da, wo sie alsbald zum Clan-Oberhaupt aufsteigt, buddelt, Männchen macht und sich vor allem unter einer Wärmelampe dem neugierigen Blick der Besucher stellt – ein Tagtraum, natürlich.

König verrät nur zum Teil, was in dieser „Familienchronik“ Realität und was Fiktion ist. So schreibt sich der sprechende Kater Hekto Pascal nur im Buch mit Bindestrich. Alles andere darf man selbst abwägen.

zurück