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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Haarscharfer Tabubruch

MAINZ (8. Februar 2011). Der hat einem gerade noch gefehlt – und das ist durchaus wörtlich zu nehmen: Wenn sich im Unterhaus die Größen des Genres die Klinke in die Hand geben, kann man sie in der Regel bestimmten Sparten zuordnen: Politisches Kabarett, Kleinkunst, Chanson – Kay Ray aber sprengt mit Verve alle Schubladen und begeistert auch mit seinem aktuellen Programm „Haarscharf“ seine Fans.

Und ein solcher muss man schon sein, um mit diesem Unikum klar zu kommen: Er sieht aus wie aus der Muppet-Show entsprungen; wenn er im kanariengelben Kostüm mit gleichfarbiger Feder-Boa die Bühne betritt, ist kein Thema mehr vor ihm sicher – und sein Publikum auch nicht.

Doch während seines Unterhaus-Debüts von „Haarscharf“ kommt er hier kaum zum Zuge, denn eine recht impertinente Zuschauerin drängt es auf die Bühne, um mit Kay Ray dort zu rauchen und einen zu kippen. Nur schwer wird der Künstler seinen aufdringlichen Fan los, der im Laufe des Abends sichtlich angeheitert das Programm kommentierend bejubelt. Doch Kay Ray macht auch tolerant, wird die Grenzüberschreitung doch hier zum Leistungssport.

Zum Glück kann Kay Ray mit solchen Situationen umgehen – schließlich wird live traditionell das Programm vom Vorabend geprobt. Über drei Stunden beste Unterhaltung mit gewollten Höhen und Tiefen bekommt man geboten, wenn man eine Show des schrillen Künstlers besucht. Und kurz vor elf meint er lakonisch, jetzt könne man alles machen, denn die Eintrittskarten seien schon abgelaufen. Als Trost bestellt er beim Unterhaus für die erste Reihe Wodka und flirtet mit der Bedienung.

Trug Kay Ray die Homosexualität bislang wie eine rosa leuchtende Monstranz vor sich her, fühlt er sich mittlerweile auch zum anderen Geschlecht hingezogen und wird demnächst Vater. Halbe Sachen gibt es bei eben ihm nicht. Und so ist auch sein Programm aufgebaut, das zwar keinen roten Faden hat, doch gerade dadurch grandios zu unterhalten weiß. Kay Ray kalauert wie ein wild gewordener Fips Asmussen, goutiert die Anzüglichkeit wie einen gehaltvollen Wein und dreht dort, wo andere die stilistische Notbremse ziehen, erst richtig auf.

Witze über Schwule und Rollstuhlfahrer? Kein Problem. Kay Ray verbiegt die Schere im Kopf und bricht munter Tabu für Tabu. Er raucht auf der Bühne, mixt sein Bier mit Kokos-Likör, und verhält sich, diplomatisch ausgedrückt, auffällig. Das unterstreicht er äußerst gekonnt mit eigenen Chansons, Songs von Kate Bush, verulkten Hits und Lenas „Satellite“ mit authentischem Gezappel und englischem Fantasie-Dialekt.

Genau so gut gelingen ihm aber auch atemberaubend ruhige Momente, wenn er, am Flügel von Falk Effenberger einfühlsam begleitet, das „Lied von der ewigen Abtreibung“ singt. Jähe Stimmungswechsel voller unerwarteter Wendungen ohne Netz und doppelten Boden – Kay Ray bleibt sich auch in „Haarscharf“ treu. Und das Publikum liebt ihn dafür.

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