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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Auf den Schwingen eines teuflisch guten Paradiesvogels

MAINZ (10. Juni 2013). Ob wohl jemand im Unterhaus-Publikum sitzt, der diesen Künstler noch nicht kennt? Man würde gerne in seine oder ihre Haut schlüpfen um noch mal zu erleben, wie sich „das erste Mal“ anfühlt: Kay Ray spielt wieder eine Show, die mit dem Untertitel „möglicherw. ab 18“ nur unzureichend durch einen Warnhinweis gekennzeichnet ist.

Hier werden heilige Kühe geschlachtet, dass das Blut nur so spritzt. Denn Grenzen achtet der Künstler aus Hamburg nicht. Und das ist das Grandiose: Für einen Abend entfleucht die Komik dem Käfig der Konvention und flattert auf den Schwingen dieses knallbunten Paradiesvogels durchs eigene Oberstübchen, in dem Denkverbote einem selbst das Lachen oft verbieten.

Aber warum eigentlich? Kay macht seine Witze über alles und jeden, lacht dabei jedoch keinen aus: Christen, Moslems und Juden, Schwule, Farbige, Kinderschänder, Behinderte, Ausländer, Vegetarier – vor seinem Humor ist keiner sicher, aber eben auch jeder gleich. In Kays Augen wäre eine Einschränkung bereits Diskriminierung – sagt’s und steckt sich erst mal eine Zigarette an. Auf der Bühne ist das erlaubt, solange es zum Programm gehört. Also intoniert Kay kurz mal Reinhard Mey: „Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarette…“

Das, was zu sagen ist, dauert zum Glück bedeutend länger: Erst nach dreieinhalb Stunden entlässt der Künstler, der seine Bisexualität mit Verve auslebt und dennoch glücklich verheirateter Vater einer zweijährigen Tochter ist, sein zunehmend begeistertes Publikum. Und das bekommt für sein Eintrittsgeld einen Abend, der gekonnt jenseits des guten Geschmacks spielt: „Je größer das Publikum ist desto mehr Mainstream hat man vor sich“, träumt das Nordlicht davon, im Berliner Olympia-Stadion vor fünf Zuschauern zu spielen.

Ein roter Faden wäre für Kay Ray zu eintönig. Er strippt, frisiert, trinkt und singt, covert, moduliert in die Parodie: Udo Lindenberg, Milva, die Crash Test Dummies. Das eigene Denken hat er nicht aufgegeben, wie ihm ein Kritiker vorwarf – er hat einfach keine Lust mehr darauf. Witze über das Hochwasser fallen ihm beim Rasensprengen ein und er wundert sich über den Rollstuhlfahrer, der einen „Coffee to go“ bestellt.

Political Correctness ist in Kays Augen also kein Thema – für sein Programm wäre das auch eine fatale Verkürzung. Stattdessen wird auf die Komik der Situation, den Witz des Wortes gesetzt: „Lieber unter Niveau gelacht als über Niveau gelangweilt“ ist das Motto. Damit geht Kay Ray sehr weit, doch kann man im Wort grenzwertig eben auch das Wort wertig entdecken. Dieser Kabarettist ist fraglos ein Extremtäter. Aber durch die schamlose Übertreibung schabt er den Lack von einer vielleicht zu oft missbrauchten und daher verlogenen Moral. Ob man hierfür unbedingt Tiere mit dem eigenen Geschlechtsteil formen muss, mag dahingestellt sein – aber für andere sind fünf Kilogramm Butter in der Ecke ja auch Kunst…

Weitere Informationen und Termine gibt es im Internet unter http://www.kayray.de.

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