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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Mehr als alles und nichts

MAINZ (7. März 2012). Um was geht’s hier eigentlich? Dass diese Frage den Abend über nicht annähernd beantwortet werden kann, stört die Zuschauer des gleichnamigen Soloprogramms von Gerd Knebel im Unterhaus kaum. Denn der Mann ist Hesse und als solcher ein Allround-Genie, was man auch links des Rheins neidlos anerkennen wird: Knebel kann alles ansprechen, alles zum Thema machen.

Sarrazin zum Beispiel: „Unglaublich, dass der behauptet, grüne Tomaten hätten die gleichen Gene wie Offenbacher – die ganze Zeit lang in der Sonne liegen ohne rot zu werden!“ Oder Roland Koch: „Der litt ja immer darunter, dass keine Straße nach ihm benannt wurde – noch nicht mal eine Sackgasse. Oder besser: Drecksackgasse?“ Knebel ist gallig und kann noch böser: Als Sportschütze hat er sich jetzt aus der Serie „Amøk“ den Waffenschrank „Breivig“ zugelegt. Schließlich bestehe in Hessen für Attentäter ja freie Schulwahl: „Nur wenn Du Dein Auto vor dem Massaker falsch parkst, kommt der Hausmeister.“

So scharf kennt man ihn kaum, wenn man sich seine badesalzige Jovialität ins Gedächtnis ruft. Wer Partien des legendären Comedy-Duos erwartet, wird dennoch nicht enttäuscht, denn wo Knebel drauf steht, ist der Zusatz garantiert drin. Allerdings eben ohne das Gegenüber, in dem sich der Mime spiegeln kann. Henni Nachtsheim, einen Tag zuvor ebenfalls mit einem Solo im Unterhaus, steht als Projektionsfläche hier nicht zur Verfügung, so dass Knebel entweder selbstreflektierend spielt oder seine Bälle mit kraftvoller Pranke ins Publikum winkt. Mütter in der U-Bahn, ein Amt für Körperhygiene, die Transzendenz einer Trinkhalle oder der kindgerechte Eintagshase – Knebel erweist sich als Panoptikum an Rollen, deren eingängige Intensität man wiederum von „Badesalz“ her schätzt.

Das Hessische gibt dem Ganzen dabei die zünftig-rohe Grundierung, auf der Knebel seine Figuren detailliert schraffieren kann: Da ist der Bademeister, der erst rettend eingreift, nachdem er sein Brot vierzig Mal gekaut hat. Da sind die Abnehmtipps im nächtlichen Offenbach, die Stimmbildung in einer vollen Äppler-Kneipe. Da ist das schlechte Gewissen des Urlaubsfliegers beim Abheben auf der Startbahn-West oder die Mail zur Vergrößerung seines primären Geschlechtsteils, auf die man antwortet um im Nacktscanner zu punkten. Man hört anrührende Zeilen aus dem Buch „Liebesbriefe an Adolf Hitler“ und erfährt, wo Neonazis wohnen: „Die kommen immer aus heiterem Himmel.“

Knebels Komik wirkt nur auf den ersten Blick roh, denn man merkt schnell, wie genau er beobachtet. Um Oberflächlichkeit glaubhaft darzustellen, braucht es die Distanz des Tiefgangs. Außerdem, diese konstruktive Kritik sei erlaubt, müsste Knebels Programm eigentlich eher „Um was geht’s hier eigentlich nicht?“ heißen – und schon würde diese Rezension auf Meldungslänge zusammenschnurren. So aber kommt einem an diesem Abend viel zu Ohren und sickert beständig in die Lachmuskulatur durch.

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