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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Die Freaks und das Kabarett

MAINZ (17. Januar 2012). Man fühlte sich so richtig wohl auf ihrer „Couch“ und aß bereitwillig ihr „Sushi“. Mit „Freaks. Eine Abrechnung“ hat das Ensemble des „Düsseldorfer Kom(m)ödchens“ erneut eine gelungene Nabelschau ersonnen.

Nach den pointierten Gesellschaftssatiren um McKinsey-Berater, Staranwältinnen und verklemmte Partner geht es nun der Medienbranche an den Kragen. Und sie wird arg gebeutelt von Maike Kühl, Christian Ehring und Heiko Seidel. Einmal mehr schlüpfen sie in ihre Rollen und verkörpern diese so intensiv, als wären sie ihre zweite Haut: Chapeau!

Sammy Boehme (Seidel) ist der Star der „Sammy-Show“: arrogant, opportunistisch, eitel – eine mit spitzer Feder getuschte Karikatur der Fernsehgröße, wie sie Hape Kerkeling schon vor fast 20 Jahren in seiner Satire „Kein Pardon“ parodierte. Unter diesem als Größe angepriesenen kleinen Licht leiden viele: vor allem die Chefautorin Maude (Kühl) und Gagschreiber Christian (Ehring).

Die drei Darsteller mimen insgesamt zehn Charaktere, darunter den neurotischen Organisator Wolfgang (Woody Allen lässt grüßen) und Vanessa, als Praktikantin auf dem Sprung nach Hollywood. Treffend ist auch das Rotarier-Paar aus dem Rheinland, ein gelungenes Zerrbild des Geldproletariats, dem das afrikanische Patenkind monatlich 30 Euro schickt, nachdem ihm der Onkel aus Deutschland von den Problemen des Mittelstandes erzählt hat. Zwar erinnern die Figuren zuweilen an die Rollen aus früheren Stücken, doch wird das durch spielfreudiges Können ohne weiteres ausgeglichen.

Die Diskussionen unter den Gagschreibern liefert natürlich die Bühne für den kabarettistischen Part des Theaters. Kim Jong-un könne man als Staatsoberhaupt doch ernst nehmen: „Im Gegensatz zu Christian Wulff“, unkt Maike Kühl und möchte „nicht in einem Land leben, in dem die Bild-Zeitung moralischer ist als der Bundespräsident“. Vor Ort liegt viel im Argen: Der FDP wird geraten, es als Religion der Liberaliten zu versuchen, da man dann über sie weniger Witze mache. Und das Volk verfängt sich immer mehr im Internet („Selbst wenn Du in die Grube guckst, wirst Du bei Facebook angestupst.“). Auch mit ihren Songs kippen die Darsteller immer wieder unterhaltsam aus der Rahmenhandlung.

Aber Obacht: Die Medienschelte allein ist Sache des „Kom(m)ödchens“ nicht, schließlich ist Christian Ehring selbst einer der brillanten Köpfe des aktuellen TV-Kabaretts und setzt als Moderator von „extra3“ im Norddeutschen Rundfunk und Ensemblemitglied der genialen „heute show“ im ZDF bissige Akzente mit Niveau.

Der Spiegel, der hier vorgehalten wird, hat zwei Seiten und nach einer Mixtur aus flachem Klischee und tiefgeistigem Witz blicken die Bühnenkünstler selbst hinein und hinterfragen vor dem eilends einberufenen Kabarettgerichtshof ihr Treiben. Derart selbstreflektierend erfährt das Programm eine jähe Wendung und im weiten Bogen trifft man das Ziel im Happy End. Das Wesen der Satire wird hier Ereignis und die angekündigte (Ab-)Rechnung geht mehr als auf.

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