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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Alkoholfreier Bierschinken macht aggressiv

MAINZ (15. Mai 2017). Schon das Outfit ist eine Provokation: erbsgrünes Hemd mit roter Krawatte zum Smoking und Schuhe, die schillern wie Öl in einer Wasserpfütze! Doch das Markenzeichen des Berliner Kabarettisten Kurt Krömer, der 2007 mit dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet wurde, ist eben der Bruch: Stil und Tabu werden genussvoll gebogen, bis die Spannung das sicher geglaubte Weltbild bersten lässt.

Natürlich muss man Krömers Kodderschnauze und seinen derben Humor mögen: Tristan aus Mainz ist sichtlich überrascht, als der Kabarettist ihn fest in die Arme schließt und auffordert, all seine Liebe stellvertretend ans Publikum weiterzugeben – er selbst ist schließlich verhindert. Für wen er seit 20 Jahren spielt, weiß Krömer selbst nicht – zu dunkel sei die Schwärze hinter dem grellen Scheinwerferlicht. Was ihn nicht daran hindert, einzelne Zuschauer anzupöbeln. Doch auch dafür liebt ihn das Publikum und im zweiten Teil des Abends kommt es zu einer fast rührenden Szene, als der Künstler für einen Moment aus der Rolle tritt und sich für die jahrelange Treue (auch und gerade im Unterhaus) bedankt.

„Heute stimmt alles“, heißt das neue Programm und straft seinen Titel keinen Moment lang Lügen. Vom Fernsehen hat sich Kurt Krömer, der hier mit unkonventionell-frechem Talk seine Gäste aus der Reserve lockte, verabschiedet, um sich ganz auf die Bühne zu konzentrieren. Auch der Abend in Mainz zeigt, wie richtig diese Entscheidung war: Hier ist er sein eigener Regisseur und obwohl das Programm natürlich Struktur besitzt, wirkt es wie improvisiert.

Es geht um die Berliner Abfallentsorgung („Meine Tonnen begrüße ich immer zuerst – weil: Kinder kannste neue machen.“), um Baumärkte, Reformhäuser mit alkoholfreiem Bierschinken, teure Handwerker, den Flughafen („Wowereit sagte Tschüssikowksi, wenn wat is, ick bin im Borchardt.“), Veganer oder Enten fütternde Omas. Egal wie stumpf ein Thema mittlerweile ist: Krömer vermag es erneut zum Glänzen zu bringen. Perfide verlötet er heiße Eisen zu garstigen Gags: „Der Kölner Erzbischof Woelki hat vor Asylmissbrauch gewarnt; man sollte auf den Kirchenmann hören, denn die wissen mit Missbrauch Bescheid.“ Und denjenigen, die eine Islamisierung des Abendlandes fürchten, spricht er schlicht ab zu wissen, wo dieses überhaupt liegt.

Natürlich tun Auftreten, Dialekt und die eigenwillige Nonchalance des Berliners ihr Übriges. Allein schon wie er seinen entblößten Schmerbauch knetet und in die Anzughose stopft, ist an sich schon Symbiose aus darstellender und bildender Kunst. Bereits im wunderbaren Film „Eine Insel namens Udo“ hat Krömer (neben einer bezaubernden Fritzi Haberlandt) bewiesen, dass er ein faszinierender Mime ist: Und sein aggressives Echauffieren im Unterhaus nimmt man ihm derart ab, dass es fast schon erlösend wirkt, wenn er mitten im Zornesausbruch lachen muss. Doch halt: Das sei nur eine Krankheit, wegen der er drei Jahre lang in der Charité behandelt wurde. Daraus habe die ARD dann einen Sechsteiler gemacht…

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