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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Keine große Lust gehabt

MAINZ (20. Oktober 2017). Zum Schluss der vom Publikum gefeierten Premiere seines neuen Programms im Staatstheater streift Lars Reichow alle Themen nochmals kurz: „Lust“ prangte in großen Versalien unter seinem Konterfei und erinnerte daran, worum es gehen sollte. Nun weiß man: Reichow hat große Lust auf die Liebe und das Leben, keine hingegen auf Trump und Erdogan. Das Resümee ist hilfreich, denn einen roten Faden hatte an diesem Abend nur der gleichfarbige Glitzerbehang auf der Bühne.

„Was ist Lust?“, fragt Reichow zu Beginn und antwortet kunstvoll geschliffen: „Die grell geschminkte Schwester der Liebe, die Schlampe unter den Gefühlen.“ Doch bald schon schweift er ab: „Das nächste Kind hat Fell“, forderte seine Frau und Familie Reichow schaffte sich einen bissigen Hund aus Osteuropa an: „Wir nannten ihn Orban.“ Der aufmerksame AZ-Leser kennt die Geschichte bereits aus des Kabarettisten samstäglichen „Weckrufen“ – genau wie die von Reichows Mutter, die jetzt ein Smartphone hat und die Welt mit Selfies ihres Knies und seltsamen Textnachrichten beglückt. Die Zugabe über die vergessene PIN-Nummer an der Supermarktkasse war ebenfalls schon im Blatt. Schade, dass Reichow für die Gestaltung neuer Programme diese Synergie entdeckt hat.

Aber vielleicht klappt das ja auch mit einer der richtig guten Nummern des Abends: Als der Künstler zu Beginn des zweiten Teils in Soutane mit Pileolus und Zingulum in Pink von unten auf die Bühne fährt, hagelt es auf breitestem Meenzerisch eine wunderbar wortverspielte Predigt um die Versuchung. Mit diesem Vortrag wäre Reichow der Star jeder Fastnachtssitzung: Ob er sie auch 2018 bei „Mainz bleibt Mainz“ spielen wird?

Es ist leider nicht alles derart lustbetont an diesem Abend: Reichow singt vom Essen oder vom Dieselmotor, erzählt vom Schnarchen – zuweilen muss man den Zusammenhang mit dem Programmtitel unterhalb einer oberflächlichen Nähe schon mit Gewalt herbeideuten. Und „heiße Eisen“ werden kaum angepackt: Geschäfte mit der Lust? Ihre religiöse Bekämpfung im Morgenland? Wer ein satirisches Sittengemälde erwartet, geht leer aus. In „Lust“ gibt Lars Reichow eher den Comedian als den Kabarettisten, der nur kurz, dann aber gepfeffert politisch wird und seine Abscheu gegen die AfD, ihre Wähler und für neue europäische Rechte in deutliche Worte fasst: Für ihn sind diese Geschichtsklitterer und geistigen Brandstifter schlicht „widerliche Arschlöcher“ – donnernder Szenenapplaus.

Auch das bissige Lied, das er als Trump auf deutsch-englischem Kauderwelsch und die flotte Dschungelbuch-Melodie „I wan’na be like you“ intoniert, hat echten Swing. Man wird sehen, inwieweit dieser Funke es schafft, im Laufe der nächsten Monate, in denen Reichow „Lust“ spielt, vielleicht doch noch auf das gesamte Programm überzuspringen: Die nächsten Vorstellungen in Mainz sind zwar bereits ausverkauft, aber für den 12. Dezember in Wiesbaden gibt es noch Karten.

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