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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Schöne Bescherung mit Lars Reichow

MAINZ – Nach „Allein unter Plätzchen“ hat der Mainzer Kabarettist ein neues Weihnachtsprogramm zusammen- und im Frankfurter Hof vorgestellt: „Himmel und Hölle“ ist der viel sagende Titel, der die beiden, leider untrennbar miteinander verbundenen Seiten der Adventszeit beschreibt.

Bereits im Herbst regnete es bekanntlich Nadelstreifen und die ersten geplatzten Heißluftballone trieben von Amerika kommend auf Deutschland zu – Lars Reichow weiß, dass sein Publikum auch in einem Weihnachtsprogramm mehr will als nur Wort gewordenen Spekulatius. Brandaktuell beleuchtet er daher den Schatten der Wirtschaftskrise mit ihrem „Tinitus aureus: Man hört Geld, wo keins mehr ist.“ und den neuen Handy-Klingeltönen: „Zurücktretende Bankvorstände.“ Doch mit der Finanzspritze von Schwester Merkel geht es dem maroden Markt gleich viel besser: Zu viel Schwarz im Tannengrün tut nicht gut und so kommt gleich der „Wachwechsel“ zwischen Hölle und Himmel.

Lars Reichow hat sein aktuelles Weihnachtsprogramm wieder als Wort-Lied-Collage zusammengebaut und springt nicht nur munter zwischen Stehtisch und Klavierstuhl hin und her, sondern auch von Thema zu Thema. Die weibliche Dekorationswut hat es ins neue Programm geschafft und fällt bunter denn je aus: Der Dekorationsprozess, der auf Frauen aphrodisierend wirkt und beim Mann zur erektylen Disfunktion sorgt, empfindet dieser als Bedrohung, wenn die Gattin es sich wieder „richtig gemütlich“ machen will. Und so endet Reichow auch dieses Mal wieder nach einem beherzten Schluck Tee vom Stövchen als Teil einer Stroh-Stoff-Nuss-Hängedeko – besser kann das keiner erzählen.

Den kabarettistisch-bunten Gabentisch bereichert natürlich auch ein kräftiger Schuss Lokalkolorit, wenn sich zwei Weihnachtsengel auf der Domspitze niederlassen und die neuen Markthäuser angucken: „Mit gefällt’s vorne besser“, meint der eine Himmelbote und angesichts der modernen Architektur im Hinterhof bemerkt der andere vom Applaus des Mainzer Publikums fast weggeweht: „Ambitioniert sagt man, wenn man’s Scheiße findet.“

Unterm Baum findet sich so manches schöne Geschenk wie die Nummer, in der Reichow erzählt, wie Prominente Weihnachten begehen – Kurt Beck, Sarah Connor, Helmut Schmidt oder Roland Koch: „Der diskutiert mit dem Erzengel Gabriel übers Nachtflugverbot.“ Und Dieter Bohlen feiert jeden „Heroinabhängigen, der durch sein durchgekokstes Nasenloch ,My way‛ pfeifen kann.“ Auch das Gallige steht dem Mainzer durchaus gut zu Gesicht.

Zwei Nummern, die eine aus der Hölle, die andere Richtung Himmel, bleiben auch nach dem unterhaltsamen Programm im Gedächtnis: Das eine ist das am Klavier mit hämmernden Akkorden begleitete schier unerträglich penetrante Wort- und Satzpuzzle aus Hirten, Schafen, Besinnlichkeit, Laptop, Konsum und Gemütlichkeit, das einen in der Vorweihnachtszeit eiskalt anweht; das andere ist die anrührende Schilderung des Fests einer krisengeschüttelten Familie, in der es dieses Jahr keine großen Geschenke gibt und die sich nach anfänglicher Enttäuschung auf das Eigentliche besinnen und einander neu finden. Weihnachten mit Lars Reichow ist eben witzig, bissig und zuweilen auch einfach wunderbar schlicht und schön.

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