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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Mit hintersinnigem Schmunzeln

WORMS. Es ist noch gar nicht so lange her, da machte sich der Kabarettist Lars Reichow auf, als „Unterhaltungskanzler“ das Ruder zu übernehmen. Und so war es keine Frage, dass der Mainzer vor der Bundestagswahl erneut die Stimme erhebt – wenn schon ein Horst Schlämmer für das Kanzleramt kandidiert!

Mit neuem Wahlprogramm respektive neuen Liedern zog Reichow jetzt im Rahmen der Nibelungenfestspiele in den Wahlkampf und präsentierte im Kesselhaus mit „Wie schön du bist“ Humoriges und Nachdenkliches von Format.

Zwar versprach das Programm „Musik vom Morgen bis in die Nacht“, doch war der „Klaviator“ so klug, dort auch von einer „begrenzten Chronologie“ zu sprechen, so dass man dem „Unterhaltungskanzler“ keinen Wortbruch vorwerfen konnte. Im Gegenteil: Der fehlende rote Faden wurde durch eine Kette von Liedern ersetzt, die diesmal eine schmunzelnde Nachdenklichkeit präsentieren, was dem Kabarettisten äußerst gut zu Gesicht steht.

Laut Reichow spielte er diese neuen Lieder erstmals vor Menschen, hatte sie jedoch zuvor erfolgreich im Tierversuch getestet. Derart präpariert verabreichte er seine Pointen gut dosiert und als schmackhafte Medizin gegen den Trübsinn auch an die Wormser. Überhaupt die Nibelungenstadt! Sein kleiner Sohn sei von der Ankündigung, dass der Papa dort spiele, vollauf begeistert gewesen, verwechselte er den Ort doch mit dem gleichnamigen virtuell-wurmigen Ballerspiel „Worms“.

Klar, dass das erste Lied gleich von den fehlenden Helden in der Krise handelte, die sich auch der trauten Zweisamkeit bemächtigen könnte. Die kleine Geschichte vom Haus voller Liebe, in das die Routine einzieht, ließ Reichow in ein Lied münden, das einer Beziehung neuen Schwung wünscht.

Aktuell zeigt sich der Kabarettist ruhiger und hintergründiger. Anhand von Investmentbankern widerlegt er Darwin, schwelgt anrührend in Erinnerungen oder sinniert singend über die hoffentlich himmlische Konsequenz seines irdischen Handelns. Treffend ist auch sein Grübeln über den Mensch als Krone des Zirkus Schöpfung.

Und plötzlich, oft nur mit einer lakonischen Bemerkung, die nie ohne Selbstironie daherkommt, stülpt Reichow diesen Hintersinn um und macht sich die für ihn typischen Reime: auf die „empfindlichen Einbußen“ gieriger Kleinanleger oder die illustre Runde der Stars und Sternchen.

Zur Höchstform läuft er in seinem musikalischen Spott über die Schönheitsoperationen auf: Das Lied beginnt ausgerechnet mit dem Choral „O Haupt voll Blut und Wunden“ und moduliert gekonnt in die „Schicksalsmelodie“. Mag auch der Nibelungenschatz weiterhin im Rheinschlamm ruhen – ein paar Goldstücke für Geist, Herz und Ohren gab’s an diesem Abend allemal.

Von diesem Programm wird eine CD produziert, die am 26. November zur Mainz-Premiere von „Wie schön Du bist“ im Frankfurter Hof präsentiert wird.

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