Start

Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

Service

» Kleinkunst

Satirische Randbemerkungen

MAINZ (23. Januar 2012). Manche mögen’s heiß und manche scharf; aber statt Billy Wilders bekannter Komödie mit Marilyn Monroe, Tony Curtis und Jack Lemmon gab es im Unterhaus jetzt das neue Programm der „Leipziger Pfeffermühle“: „Hurra, wir bleiben inkompetent“ heißt es und ist eigentlich purer Etikettenschwindel, denn wenn es etwas gibt, was man diesem gut aufgelegten und eingespielten Ensemble nicht vorwerfen kann, dann Unfähigkeit.

Einzig das „Hurra“ im Titel trifft es, laut Franz-Jürgen Silbermann „verhält es sich zu Geil wie Eisbein zu Hamburger“. Gemeinsam mit Franziska Schneider und Matthias Avemarg orientiert sich der Mime aus der Pfeffermühle den Abend über eher am Bewährten: schön gespieltes Ensemble- und Nummernkabarett, das heiße Eisen anpackt und satirisch abkühlt.

Natürlich ist der Bundespräsident ein Thema: Gleich zu Beginn singt Avemarg auf die Melodie „Wenn der weiße Flieder“ ein humoriges Couplet: „Wulff will mit ‘nem Häuschen prahlen, aber keine Zinsen zahlen – das bereitet ihm jetzt Qualen“. Lied- und Textbeiträge wechseln gut dosiert ab und swingende Einlagen der Musiker Dietmar Biebl am Flügel und Peter Jakubik am Schlagzeug bilden elegante Übergänge zwischen den einzelnen Nummern.

„Das Wort ist tot, der Glaube macht lebendig“, zitiert Silbermann Schillers „Maria Stewart“ und ebenso klassisch spielen sich die drei Künstler ein offenbar abgestorbenes Buchstabengeflecht zu: Verantwortung und wie unvereinbar es ist, dass man in ihr steht, sie gleichzeitig trägt, sie (und dabei sich) übernimmt und dann kostenpflichtig an den Steuerzahler zurückgibt. Auch die Textsicherheit Avemargs beim anschließenden Besuch im Finanzamt und der Erläuterung der „Schwafelsteuer für Politiker“ inklusive Reform, Höchstsatz, Abzug und Freibetrag samt gängiger Abkürzungen ist beachtlich – von wegen faule Beamten.

Solistisch, als Duo und Trio ist das Ensemble gleich überzeugend – und zuweilen Angst einflößend: Inwieweit ist das überspitzt dargestellte Management eines Kanzlerkandidaten Realität oder Fiktion? Doch hoffentlich die geplante Sprengung des Berliner Fernsehturms, um das schon bei Schröders Oderflut-Einsatz erfolgreiche Tränendrüsen-Marketing einzusetzen!

Beißend scharf würzen die Pfeffermüller auch ihren Kommentar zum Umgang der EU mit Flüchtlingen, wenn ein Kapitän einem im Meer treibenden Afrikaner von Bord aus beim Ausfüllen der Unterlagen hilft: „Sind Sie Computer-Spezialist?“ Nicht? „Na dann wollen wir Sie mal nicht länger auf die Folter spannen: Ihr Antrag wird abgelehnt.“

Ein weiterer Song über den offensichtlich übersehbaren Widerspruch von Wirtschaftswachstum und Lohnverzicht, Dumpinglöhnen und Bonuszahlungen, ein Sketch über den Bankberater, der perfide Erfahrung und Geld vertauscht – Schlag auf Schlag setzt es satirische Randbemerkungen, gut gepfeffert wie die Nummer mit dem Ober, der als Ernährungsberater mehr einnimmt als im Kellner-Job: aktuell, geistvoll, witzig – eben kompetent.

Weitere Informationen und Termine im Internet unter http://www.kabarett-leipziger-pfeffermuehle.de.

zurück