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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Liebevolle Boshaftigkeiten

MAINZ (11. Januar 2016). Er kann es wie kein anderer: Mathias Richling hat das Genre der Parodie besetzt und pflegt es in einer Zeit, in der es fast schon wieder altmodisch zu werden scheint, wie einen kostbaren Schatz.

Seine TV-Sendungen, in denen er auch optisch in seine Rollen schlüpft, sind legendär, seine Live-Auftritte ebenso. Es gibt keine Pause und genauso pausenlos wechselt Richling die Charaktere: „Rede ich zu schnell?“, fragt er sein Auditorium: „Wenn ich langsamer spreche, schlafe ich ein.“ Doch er beruhigt: „Wenn Sie heute nur die Hälfte verstehen, nehmen sie genug mit.“

Und tatsächlich bekommt man in 90 Minuten ein buchstäbliches Kabinettstück vorgeführt: „Richling spielt Richling“ heißt das Programm, in dem der Kabarettist aktuelle Politprotagonisten wie akustische Wiedergänger auftreten lässt. Noch vor Beginn fragt man sich beklommen, wie er das alles denn fassen will? Glanznummern wie Horst Köhlers Kampf mit dem Teleprompter oder Angela Merkels Gespräch auf Sigmund Freuds Couch funktionieren zeitlos. Aber welche Rollen können die Karikaturen von Norbert Blüm oder Ulla Schmidt heute spielen?

Richling löst das Problem höchst elegant mit einer spöttischen Retrospektive: „Wurden wir früher besser belogen?“ Und schon kann der mimische Marionettenspieler Kasperl Kohl und Seppel Stoiber auftreten lassen, ohne dass es knarzt. Die Bühne ist vollgestellt mit Sitzmöbeln, Richling agiert stilvoll zwischen allen Stühlen. Das Plakat zum Programm zeigt ihn, wie er in einen Spiegel blickt. Und das tut er auch auf der Bühne: „Der Franzose isst gerne gut, der Italiener isst gerne laut, der Engländer isst gerne schlecht – nur der Deutsche schluckt alles.“ – von der „sicheren Rente“ bis zum aktuellen „Wir schaffen das.“

Aber Richling weiß auch: „Der Schwabe empört sich gerne. Wenn er nicht wüsste worüber, würde er sich aufregen.“ In diesem Licht strahlt die Schelte an den Oberen reflektiert auf den Spötter zurück. Was nicht bedeutet, dass sie nicht angebracht wäre: „Je diffuser es sich anhört, umso wörtlicher ist es zitiert“, warnt der Mime und lässt sie in kurzen Sketchen, manchmal nur mit wenigen Worten auftreten: Horst Seehofer, Christian Wulff, Kurt Beck, Peer Steinbrück, Andrea Nahles, Rudolf Scharping, Johannes Rau oder Karl Lauterbach. Am köstlichsten, weil authentischsten gelingen die Nummern mit seinen Landsleuten Winfried Kretschmann oder Günther Oettinger.

Mathias Richlings Parodien sind deshalb so genial, weil er Kabarettist und Schauspieler in einem ist. Mit seinen Darbietungen konserviert er die Person wie in einem fast schon plastischen Ölgemälde, durch das Spiel mit dem Wort verwischt er die Grenze vom Faktischen zum Phantastischen. Bei allem Biss wird der Hieb dabei auch ein bisschen zur Streicheleinheit. Zwischen den Zeilen aber wird meuchelnd zugestochen: Politiker sollten öfters überlegen, was sie wann und wie sagen. Und wer ihnen dabei zuhört.

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