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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Zeitsprünge mit Krückstock

MAINZ (29. Januar 2015). Jonas Jonasson gelang mit seinem Debüt-Roman etwas, wovon viele träumen: „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ wurde international zum Bestseller – allein in Deutschland verkaufte sich das Buch über zwei Millionen Mal.

Den Schwung nutzte der schwedische Regisseur Felix Hemgren und drehte 2014 eine gelungene Adaption für die Kinos. Selbst die Theaterbühnen hat der sympathische Greis erobert: Während das Gastspiel des Altonaer Theaters aus Hamburg am 27. Februar im „Wormser“ noch bevorsteht, feierte das Stück jetzt in den Mainzer Kammerspielen Premiere.

Ob im Publikum wohl jemand saß, der die Handlung nicht kannte? Allan Karlsson wird 100 – und verschwindet. Er findet einen Geldkoffer und bald steht halb Schweden Kopf: Verfolgt von Ganoven und der Polizei reist er durchs Land, im Schlepptau Gelegenheitsdieb Julius, Student Benny und Elefantenhalterin Gunilla nebst Dickhäuter Sonja.

Probleme gibt es nicht – nur Lösungen, hat Karlsson doch in hundert Jahren mehrfach dem Rad der Weltgeschichte in die Speichen gegriffen: Das Publikum erfährt, wie er in Spanien erst die Revolution, dann General Franko unterstützte, den USA und den Russen bei der Entwicklung der Atombombe half oder in China gegen Mao kämpfte. Bei allem Erinnern ist aber nicht zu vergessen: Man ist auf der Flucht, die natürlich ein Happy End hat. Aber funktioniert das auch in den Kammerspielen?

Karlsson erzählt eine Schnurre nach der anderen und wandelt auf den Füßen von Achim Stellwagen munter drauf los: Der Mittfünfziger gibt den jungen wie den alternden Helden mit liebevoller Hingabe und macht am Gehstock seine kleinen und großen Zeit- und Raumsprünge. Begleitet wird er dabei von Bodil Strutz, Pierre Humphrey und Kevin Silvergieter, die sich das restliche Personal durch multiplen Rollentausch teilen.

Die Spielfreude ist den Mimen nicht abzusprechen, doch inszeniert Regisseurin Claudia Wehner die Bühnenfassung von Axel Schneider streckenweise zu rasch und schrill: Die wunderbar komische Geschichte wird vor allem durch das überzeichnete Spiel von Humphrey und Silvergieter zum Comic verzerrt, was auf Dauer schlicht auf die Nerven geht. Karikaturen statt Charaktere? Dann hätte man noch dicker auftragen müssen – in Mainz bleibt die Umsetzung bemüht.

Am Ende funktioniert das Roadmovie trotzdem irgendwie, die Aktion entsteht aus dem Moment. Gearbeitet wird ohne großartige Kulisse, dafür zuweilen mit gewollt naiver Reduktion: Ein Teller dient als Steuerrad, ein Klappstuhl als U-Boot, ein flackernd illuminiertes „Bumm“ ersetzt die Explosion. Puppen, Schattenspiel und Requisite fordern die Phantasie des Zuschauers heraus, an der Schaffung des imaginären Kosmos selbst mitzuarbeiten. Wenn er sich darauf einlassen kann, erlebt er 120 Minuten ambitioniertes Theater – wenn nicht, bleiben ihm Film, Hörbuch oder Paperback.

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