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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Negida auf dem Vormarsch

MAINZ (21. Januar 2015). Es ist schon seltsam: Auf der einen Seite skandieren selbsternannte Patrioten gegen den Islam und auf der anderen Seite streichen überkorrekte Bedenkenträger das Wort „Negerkönig“ aus Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“. Zwischen diesen beiden Extremen spannt sich derzeit ein Seil, auf dem man mit seiner Meinung balancieren muss: Stets läuft man Gefahr, jemandem auf die Füße zu treten.

Einer, der hier munter Purzelbäume schlägt, ist Marius Jung, vom Äußeren her eher weniger der „nordische Typ“ – er ist, und da zitiert man ihn nur: „Neger“. Jung ist dunkelhäutig. Und er kokettiert damit bewusst offenherzig, denn als allererstes bekennt er sich zu „Negida – Neger gegen die Idiotie des Abendlandes“. Erfreulich herzlicher Applaus folgt auf den Satz: „Ich glaube, es ist Zeit dafür.“

Dass ihm jemand im kleinen Unterhaus seine Hautfarbe vorhält, muss Jung nicht befürchten. Aber interessant ist es schon, dass sich selbst ein per se aufgeschlossenes Kabarettpublikum windet, wenn er einzelne anspricht, wie sie einen nicht hellhäutigen Menschen nennen – zumal er zuvor noch rasch aus einem Biologiebuch von 1912 zitiert hat: „Der Neger ist ein Tier, das spricht.“

Also wie nun? Schwarzer oder zumindest Brauner? Negroide? Maximalpigmentierter? Farbiger? Doch was viel wichtiger ist, nachdem sich Jung wieder auf die Bühne begeben hat: Was hätte man selbst geantwortet? Und hat man Angst, etwas Falsches zu sagen? Hier pflanzt der Kabarettist den rasch keimenden Samen des Zweifels an der eigenen Überzeugung und macht somit vor allem eines: sein Handwerk richtig gut.

Düpiert wird keiner während des Programms „Singen können die alle“ (und Jung besonders). Dem Kleinkünstler geht es vielmehr darum, hinter die Fassade der „Political Correctness“ zu blicken. Da schreibt er einen satirischen Ratgeber als „Handbuch für Negerfreunde“, in dem er humorvoll eigene Erlebnisse schildert, die man doch eigentlich gar nicht so lustig finden möchte. Messerscharf analysiert er das Lachen im Kabarett: „Hahaha“ steht für offenes Amüsement, „hohoho“ für das verhaltene Hüsteln, wenn man über etwas kichert und dabei den scheelen Blick scheut.

„Im Zweifel für den Gag“, rät Jung zu mehr Gelassenheit auf allen Seiten – gerade im Lärm der Aktualität ein Gedanke, den man nicht überhören sollte. Der Kabarettist arbeitet zuweilen auch als Schauspieler. Und was für Charaktere werden ihm angeboten? „Fast nur Rollen aus dem Kleinkriminellen-Milieu.“ Einmal wurde Jung aus Rücksichtnahme und Angst vor schlechter Presse umbesetzt: „Positiven Rassismus“, nennt er es und stellt klar: „Rassismus ist immer scheiße.“

Für sein Buch wurde er übrigens ausgezeichnet: mit dem „Rassismuspreis“ des „Leipziger Studentinnenrates für Gleichstellung und Lebensweisenpolitik“, was seiner Publikation einzig großartige Presse und Bestsellerstatus bescherte. Allein das zeigt, wie wichtig es ist, miteinander ins Gespräch zu kommen, schließlich wurde laut Jung „der Neger nach 9/11 vom Moslem abgelöst.“

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