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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Die Physik der geistigen Pointe

MAINZ – Wie sein Kleinkunstkollege Hagen Rether, der sein Programm seit jeher „Liebe“ nennt, verwendet Mathias Richling keine Energie darauf, neue Titel zu finden: „E = m mal Richling zum Quadrat“ heißt es schon lange. Die eingesparte Geistesleistung wird allerdings stets auf die Aktualität verwendet. Und dass auch „ältere“ Nummern diese Güte haben, spricht letztendlich nur für die Qualität des schwäbischen Kabarettisten.

Telepräsent durch Formate wie den „Satiregipfel“ in der ARD und „Zwerch trifft Fell“ in den Regionalsendern hat sich Richling eine begeisterte Fangemeinde erspielt, die in der Phönixhalle in diesem Jahr selbst zum „Publikumsdarsteller“ wurde: Das Programm wurde mitgeschnitten und wird zu einem späteren Zeitpunkt ausgestrahlt werden.

Die mitunter von weit her angereisten Zuschauer erlebten in Mainz über anderthalb Stunden Kabarett vom Feinsten, denn Richling seziert die deutsche Befindlichkeit und ihr Verhältnis zu den gewählten Volksvertretern gewohnt messerscharf, gekonnt polemisch und mit geballtem Witz.

Immer wieder streut er kurze Kostproben seiner zur Perfektion gereiften Kunst der Persiflage ein und das Publikum ist durch die virtuose Maskerade aus dem Fernsehen derart konditioniert, dass es bereits durch kleinen Gesten, bei denen es Richling auf der Bühne bewenden lassen muss, aus dem Häuschen ist: Ein Satz Angela Merkels, eine Randnotiz von Guido Westerwelle oder eine Rede Ronald Pofallas im genäselten Duktus Theo Lingens sind genau so gekonnt und entlarvend wie die verschnupfte Ulla Schmidt oder ein plappernder Franz Müntefering. Noch hat man diese Chargen in Erinnerung und der Kabarettist macht aus der Trauer ob manchen Abgangs keinen Hehl: „Michael Glos als Wirtschaftsminister – ein Traum…“

Doch Mathias Richling belässt es natürlich nicht am gediegenen Spott. Sein Dialog zwischen Angela Merkel und Sigmund Freud über die erotisch-ödipale Beziehung zur Macht, sein lamorjanter Greis, der das Koma als erstrebenswerte Lebensform ansieht, die Erklärung der Relativitätstheorie in der Politik oder seine aufklärerische Rede zum Richtungsstreit sind anregend und wertvoll: „Links, sozial und menschlich kann man nur in der Opposition sein, wenn keine Gefahr besteht, dass man das auch umsetzen muss. Rechts ist ansteckender als links, denn mit Lüge und Beschiss infiziert sich jeder – bei Wahrheit und Gerechtigkeit steckt sich keiner an.“ Und schon dreht sich das Thema um „Lafonträne“ und seine wirre Reden, bei denen man bei Richling nicht weiß, wo das Original aufhört und die Parodie anfängt.

Doch Richling kennt keine Tendenzen, sondern spürt die Ziele seines Spotts in allen Parteien auf. Dass zuweilen der Applaus aus verschiedenen Ecken einsetzt, zeigt einmal mehr, wie gut der Schwabe orten kann, wo des Volkes Schuh drückt – und wo er ansetzen muss, um hier mir feinem Humor für Linderung zu sorgen.

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