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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Statt Sekt noch nicht mal Selters

MAINZ (8. Mai 2015). Ein „Selfie“ ist ein Digitalfoto, das man mit Handy oder Smartphone von sich selbst macht. Mit echter Fotografie hat dies jedoch nichts zu tun – weder handwerklich noch qualitativ. „Selfie“ ist auch der Name des aktuellen Programms von Mathias Tretter.

Je weiter der Abend im Unterhaus voranschreitet, umso erschreckender wird die Parallele: Mit gut gemachtem Kabarett oder unterhaltsamer Comedy hat „Selfie“ nichts zu tun – weder handwerklich noch qualitativ.

Tretter beginnt opulent: Vom Band ertönt Wagners Ouvertüre des „Fliegenden Holländers“. Mit messianischer Geste betritt der Kleinkünstler die Bühne und verkündet, er wolle noch berühmter werden, als er es ohnehin schon sei. Und verehrt: nicht von Wagnerianern, sondern von „Tretterianern“. Doch was dieser „Heiland“ bietet, hat noch weniger Inhalt als die angebetete Sandale im Monty-Python-Film „Das Leben des Brian“.

„Selfie“ fehlt vor allem ein roter Faden, sei er auch noch so dünn. Dafür stolpert Tretter von einem Thema ins nächste. Nach zehn Jahren Kabarett und Kampf gegen die Mächtigen leidet er nun selbst an Merkels Mimik, so dass ihm der Morgenkaffee aus den heruntergezogenen Mundwinkeln läuft. Wem der Inhalt fehlt, der beschäftigt sich eben mit Äußerlichkeiten, mit von der Leyens „Permafrost-Lächeln“.

Hin und wieder blitzen ein paar Pointen im Nebel der Oberflächlichkeit auf: So solle die Bundeswehr doch bitte den IS beliefern, damit dieser deprimiert die nicht funktionierenden Waffen niederlege. Zum Thema Maut fragt sich Tretter, ob es angesichts von Kriegen und Katastrophen nichts Wichtigeres gebe: „In einem brennenden Haus schimpfen wir mit dem Hamster, weil er die Tapete angeknabbert hat.“ Doch diese Momente sind leider allzu schnell wieder vorbei.

Eine Fabel erzählt vom Frosch, der in ein Fass mit Rahm fällt und zu ertrinken droht. Er strampelt jedoch um sein Leben und irgendwann verfestigt sich die Flüssigkeit zu Butter – er ist gerettet. Tretter jedoch strampelt im inhaltlichen Wasserbad, ohne dass Sprudel daraus wird. Da helfen auch die „Kunstfiguren“ Ansgar und Riko nicht, denn sie erstarren alsbald im Klischee, so wie fast alles an diesem Abend vorhersehbar ist.

Was Kabarett soll und will, ist klar – was Tretter in seinem aktuellen Programm verfolgt, nicht. Für eine zielsichere Zeitkritik fehlt es an Kontur und wenn er Goethes „Faust“ auf wenige Sätze in angesagtem Jugendslang reduziert, schmerzt das eher, hat aber im Gegensatz zum Programm trotzdem noch Inhalt.

Nein, die Erinnerung an „Selfie“ sollte das gleiche gerechte Schicksal ereilen wie jene Schnappschüsse vom eigenen Konterfei: Wenn sie nichts geworden sind, sollte man sie möglichst rasch löschen.

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