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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Mit Willy auf'm Sofa

MAINZ (8. Mai 2017). In einem Interview mit Schauspieler und Schriftsteller Matthias Brandt über seine Zusammenarbeit mit dem Pianisten Jens Thomas sticht eine Antwort heraus: „Wären wir beide Autoren, wäre es vielleicht ein Briefwechsel geworden. Wären wir Musiker, ein Duett.“ Auf jeden Fall sind beide Partien der Lesung im ausverkauften Großen Haus des Mainzer Staatstheaters unglaublich dicht verwoben und derart ineinander verschränkt, dass sie ein bestechend kontrastreiches Bild aus Klang und Text ergeben.

Die tonale Kulisse, in der sich der junge Held – es ist der kindlich-jugendliche Matthias Brandt – hier tummelt, besteht aus einem Kaleidoskop, das mal als Ballade, mal als Klang-Collage aufleuchtet: gesungen, gespielt, gesummt und gezupft. Erschienen ist das Ganze als eigenständiges Album „Memory Boy“. Wie bereits in früheren Projekten, als Brandt und Thomas die Hitchcock-Streifen „Psycho“ oder „Vögel“ kraftvoll in Szene setzten, arbeiten hier zwei Künstler, die ihr Handwerk verstehen.

Während das Publikum den Schauspieler erst am Vorabend als Polizeiruf-Kommissar Hanns von Meuffels sehen konnte, erlebt es im Staatstheater einmal mehr einen gut aufgelegten Geschichtenerzähler, der es diesmal in seine Vergangenheit führt: „Raumpatrouille“ heißt der wunderbare Geschichten-Band, der den Grundstock der gleichnamigen Lesung bildet.

Der Schauspieler ist Sohn des 1992 verstorbenen Alt-Kanzlers – eigentlich eine eher unbetonte biografische Fußnote. Hier jedoch bekommt sie Gewicht, denn auch wenn der Vater im Buch eher eine Nebenrolle spielt: Trotz häufiger Abwesenheit ist er stets präsent. Und bestimmt natürlich Leben und Erleben des jungen Matthias, der von Personenschützern zu Freund Holger gebracht oder wegen der Politik des Vaters vom Schulkameraden schon mal eine aufgeschnappte Stammtischparole zu hören bekommt. Erst im letzten Kapitel, einem der intimsten Augenblicke in Buch und Lesung, hat Willy Brandt seinen großen Auftritt.

Zuvor schildert der Mime mit einem Tonfall, der nicht nur erzählt, sondern dem Geschilderten eine faszinierende Mehrdimensionalität gibt, die deutsche Gegenwart der frühen 1970er Jahre – anhand einer fast schon übertrieben detaillierten Schilderung einer spießigen Wohnung, deren geregelte Normalität vom Kanzlersohn bestaunt wird; das elterliche Haus hingegen setzt er als Zauberlehrling fast in Brand.

Die ohnehin köstliche Lektüre von „Raumpatrouille“ wird hier zum klanglich untermalten Erlebnis: Der Gesang von Jens Thomas wechselt mühelos vom Brust- ins Kopfregister, das Klavierspiel illustriert jugendlichen Zorn mit jähem Crescendo oder kindliche Nachdenklichkeit mit schwerem Portato. Was bleibt, sind unendlich vielschichtige Eindrücke – und die vielleicht eigene Erinnerung an Glasuntersetzer aus Fimo auf Rauchglastisch vor indirekt beleuchtetem Gelsenkirchener Barock.

Matthias Brandts Geschichten-Band „Raumpatrouille“ ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen (gebunden, 172 Seiten, 18 Euro), das Album „Memory Boy“ von Jens Thomas bei Roofmusic.

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