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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Ein liebenswerter Chaot nach Noten

MAINZ (14. Juni 2013). Steigen die Temperaturen, liegt das natürlich nicht an der überhöhten Drehzahl, mit der die Künstler im Unterhaus ihre Pointen ins Publikum feuern oder das Niveau kraftvoll nach oben schrauben. Doch kommt die warme Jahreszeit, schließt der Kleinkunsttempel seine Pforten, um spielenden wie zahlenden Gästen gleichermaßen eine Verschnaufpause zu gönnen.

Auf dieser Zielgeraden nahm Matthias Brodowy den Staffelstab als vorletzter Künstler der Saison in die Hand und servierte mit seinem neuen und mittlerweile achten Programm „Kopfsalat“ ein vitaminreiches Buffet, dessen Gänge aus Tönen, Akkorden, Worten und Gedanken elegant auf Stimmbändern und den Saiten des Klaviers serviert wurden.

Neben vielen Kleinkunstpreisträgern war mit Brodowy der einzige aktuell Ausgezeichnete in der regulären Spielzeit zu Gast im Unterhaus. Den Preis erhielt der Niedersachse zusammen mit seinem Trio, da man laut Jury „dem deutschen Chanson eine neue Spielart“ hinzugefügt habe: „Lieder von literarischem Format mit der Leichtigkeit des Schlagers. Das hat Kraft und Schwung – und groovt“, hieß es in der Begründung, mit der ihm Anfang 2013 die Unterhaus-Glocke überreicht wurde.

Was für die Combo gilt, darf allerdings auch Matthias Brodowy von sich als Solist behaupten! Atemlos erzählt er: von der Kindheit und dem Kicken mit den spanischen Nachbarskindern, vom typisch deutschen „Erdgeschoss-Motzer“. Und heute seien Kinder nur noch „human resources“. Brodowy reist im ICE und belauscht dabei den Unsinn der Sitznachbarn, wobei er „mit loriot’schem Ohr am Puls der Menschen“ horcht, denn nichts sei so blöd wie die Wirklichkeit.

In seinen Liedern und Texten geht er diesem Wahnsinn auf den Grund und stürzt dabei selbst in ein Chaos, das ihn immer wieder stolpern lässt. Ertragen kann er dies nur „mit Gnade und Barmherzigkeit“ – unter anderem den Politikern gegenüber. Von der Gesellschaft, die Pluralismus mit Egomanie gleichsetze, erwartet der Kabarettist ohnehin nichts mehr: „Alle Welt macht in Aktien – die Sprache ist hier entlarvend, denn am Schluss kommt dabei Scheiße raus.“ Ins Schwarze trifft hier auch das „Märchen vom reichen Herrscher und den goldenen Töpfen“, eine Parabel von einem gierigen Wurstfabrikanten mit Hang zu Spielen, in der das Publikum bald Uli Hoeneß erkennt.

Man sieht: Brodowys „Kopfsalat“ besteht wie sein grünes Vorbild aus vielen verschiedenen Blättern. Und je mehr man ins knackige Innere hineinhört, umso näher kommt man dem schmackhaften Herz des Ganzen: Der Interpret selbst ist es, der die gesunde Geistesnahrung sprachlich wie musikalisch schmackhaft würzt und entsprechend angerichtet kredenzt.

Herbert Grönemeyer beschwor einst im gleichnamigen Lied den Alkohol als „Dressing für seinen Kopfsalat“ – nicht nur für Abstinenzler bietet ein Abend mit Matthias Brodowys eine willkommene und nicht weniger prickelnde Alternative.

Weitere Informationen und Termine gibt es im Internet unter http://www.brodowy.de.

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