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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Deutschmann würde Dornfelder wählen

MAINZ (26. Februar 2016). „Wie sagen wir’s dem Volk?“, fragt sich Matthias Deutschmann im Titel seines aktuellen Programms. Und vor allem: welchem Volk? Dem in „Dunkeldeutschland“? Muss jetzt in Thüringen der Verfassungsschutz in „Völkischer Beobachter“ umbenannt werden? Warum vernimmt man aus dem Osten den „Reichsjammerton in 33 Hertz“? Da ist Björn Höcke von der AfD: „So kann man ein Regal nennen, aber keinen Meinungsführer“, spöttelt der Freiburger.

Auch wenn er es nicht ausspricht, man merkt, dass sich hinter dem heiteren Plauderton ein beschämtes Stirnrunzeln versteckt: „So etwas hat mal Begrüßungsgeld bekommen.“ Deutschmann gebraucht deutliche Worte, manche Sätze wirken wie ein Schlag in die Magengrube: „Es ist besser, wenn Menschen in vollen Zügen nach Deutschland kommen, als wenn sie es in Güterzügen verlassen müssen.“

Mit diesem verbalen Säbelrasseln wehrt sich jemand, der schier verzweifelt an der „Woge aus Dreck und Dummheit, die einem von rechts in den sogenannten sozialen Netzwerken begegnet. Das Internet ist die offene Form der geschlossenen Anstalt.“ Im Interview hatte er noch davor gewarnt, dass Deutschland an einer Kreuzung stehe, an der von links nichts komme: „Aber von rechts.“

Angesichts der tagespolitischen Realität bescheinigt er der Linken zwar eine gewisse Weltfremdheit. Aber Deutschmann betont – und man hört den ernsten Unterton deutlich: „Die Zukunft unseres Landes kann nur sozial und demokratisch sein.“ Allerdings gebe es da ja auch noch die Sozialdemokratie.“

Dieses Kabarett ist kein alphabetischer Verriss einzelner Parteien, Programme und Personen, wenngleich deutlich wird, wo das Herz des Künstlers nicht schlägt. Kurz vor den Wahlen gibt er dem Publikum noch eine augenzwinkernde Inspiration: „Was muss ich tun, um Julia Klöckner zu wählen? Zwei Liter Dornfelder, dann tut es nicht mehr so weh.“

Deutschmann beantwortet die Frage, wie man es dem Volk denn sagen solle, mit dem eigenen Tun. Er denkt laut nach, schweift ab, verliert sich zuweilen im Grübeln: Die Probleme sind eben zu groß, als dass sie mit wohlfeilen Patentrezepten zu lösen wären. Doch mit seiner nonchalanten Bissigkeit, mit diesem kratzigen Kommentieren stellt er die richtigen Fragen und entlarvt vermeintliche Antworten: Brillant formuliert und süffisant demaskierend wird Lächerliches an den Pranger gezerrt.

Deutschmann erhebt die Stimme, nicht den moralischen Zeigefinger. Letztlich ist es Aufruf, selbst Stellung zu beziehen und in den Diskurs zu treten – klare Worte also und somit auch ohne das obligate Cello ein Wohlklang in der Dissonanz unserer Tage.

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