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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Wo Griesgrämigkeit Frohsinn schafft

MAINZ – Einer hat an diesem Abend so gar nichts zu lachen: Matthias Egersdörfer. In seinem Programm „Falten und Kleben“ erzählt er Geschichten, die das Leben schrieb – schlimme Geschichten von Wollkreis-Schneemännern oder der klaustrophobischen Situation des Eingeparktseins. Und das ist bestimmt nicht lustig. Aber: zum Brüllen komisch!

Er betritt die Bühne und schon geht eine Woge der Heiterkeit durchs Publikum: Wer so griesgrämig aus der Wäsche guckt, der muss die miese Stimmung, die wie ein unangenehmes Odeur von ihm ausgeht, ja durch doppelt so gute Pointen wett machen. Matthias Egersdörfer aber ist gar nicht so sauertöpfisch: „Ich bin subber guud drauf“, beschreibt er im breitesten Fränkisch seinen optimistischen Gemütszustand.

Mit böser Miene zum guten Spiel erzählt der Misanthrop aus seiner Kindheit: vom Papierschiffchen, das aufgrund eines verpassten Faltschritts so aussah, als sei etwas ganz Schweres von oben drauf gefallen und eben von der misslungenen garnigen Bastelarbeit, die, so fürchtete er bereits als Siebenjähriger, ihm 25 Jahre später im Vorstellungsgespräch bei Siemens so gar nichts nützen würde: „Obwohl: In letzter Zeit hat man schon das Gefühl, dass man mit einem Wollkreis-Schneemann da recht weit kommt…“

Von der existentialistischen Gedankenwelt eines Schülers der zweiten Volksschulklasse macht Egersdörfer den Sprung bis an die moderne Supermarktkasse, an der er nach der Kundenkarte gefragt wird. Ebendort noch der erotischen Komponente in der Neueren deutschen Literatur nachhängend kommt er der Kassiererin empfindlich nahe und setzt vor dem befreienden Wutschrei ein Grinsen auf, wie es Jack Nicholson in „Shining“ nicht besser gab. Egersdörfer erhebt das Banale immer wieder in den Status des Besonderen und kann somit eine Viertelstunde davon erzählen, wie er Stunden zuvor eingeparkt wurde: Das ist Kabarett fast schon in Echtzeit.

Auf Tuchfühlung mit dem ständig glucksenden Publikum, das er den Abend über vergeblich zu domestizieren versucht, geht Matthias Egersdörfer seinen eigenen kabarettistischen Weg, der immer wieder zu sich und den eigenen Schwächen führt: Indem er selbst den in seiner kleinen Welt Gefangenen gibt, kann er über eben diesen herrlich spaßen. Und so meistert dieser Franke von Format mit der Ausstrahlung eines Pitbull-Terriers, dem man lieber nicht zu nahe kommt, den ersten Abend der neuen Unterhaus-Spielzeit mit Bravour.

Weitere Informationen zu Matthias Egersdörfer gibt es im Internet unter www.egers.de.

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