Start

Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

Service

» Kleinkunst

Der fränkische Kafka

MAINZ (4. Oktober 2013). Wenn ein Comedian gut ist, lacht das ganze Land über seinen Witz – ein Kabarettist hingegen kann seine Qualität durchaus auch daran ablesen, inwieweit er polarisieren kann. Matthias Egersdörfer gelingt genau das und im Gästebuch seiner Homepage kann man einerseits „Große Performance – Respekt!“ lesen, aber eben auch: „Ihre niveaulosen Vorträge sind eine Schande für Franken.“

In Mainz war der grantige Exportschlager aus Fürth jetzt mit seinem neuen Soloprogramm zu Gast – das und dass ihm hier 2010 der Deutsche Kleinkunstpreis verliehen wurde, zeigt, dass das mit der „Schande für Franken“ wohl doch nicht so ganz stimmen kann. Auch in „Vom Ding her“ gibt Egersdörfer den gewohnten Misanthrop, doch geht er nun über das Erzählen einzelner Geschichten hinaus, indem er diese in eine atemberaubende Rahmenhandlung einbindet. Und deren kafkaeske Absurdität vermag das Auditorium grandios zu fesseln.

Los geht es mit der Erkenntnis, dass Egersdörfer morgens unbedingt einen Kaffee braucht. Aufgrund verdorbener Milch kippt der Mime in einen vielschichtigen Alptraum, der die Handlung gnadenlos vorantreibt und dabei immer wieder die Realität tangiert. Mit Schwung taucht Egersdörfer tief in einen reißenden Bewusstseinsstrom und zwischen Hausordnung, Autobombe, Karpfen mit Klößen und in der Jugend gestohlener Chromdioxid-Kassetten immer wieder auf.

Als der Künstler die Pause einläutet, stellt man sich verwundert zwei Fragen: Wohin soll das Ganze noch führen? Und: Warum war der erste Teil so kurz? Doch anstatt der gefühlten halben Stunde ist fast eine ganze vergangen! Die Qualität des neuen Programms liegt im Mosaikhaften, denn Egersdörfer packt so unglaublich viel in „Vom Ding her“ hinein: Ist er an der Insolvenz des Suhrkamp-Verlags schuld, weil er früher Thomas Bernhard-Bücher klaute? Ist es ratsam Detektiv zu werden, weil es am Ende der TKKG-Geschichten immer Kuchen für die Ermittler gibt? Weswegen ist Bier besser als Drogen? Und warum sind weiße Bademäntel unvorteilhaft?

Was Matthias Egersdörfers Geschichte(n) so besonders macht ist zum einen die Stringenz, mit der er seine reizbare Stimmung spielt. Während alles um ihn herum lacht, kann er herrlich aufbrausend sein. Zum anderen aber pflegt der Mittelfranke den klingenden Dialekt mit seinen abgerundeten Konsonanten, was dem Erzählten eine eherne Bodenständigkeit gibt. Und die schenkt auch dem Absurdesten im Moment des Vortrags etwas packend Wirkliches, weswegen man sich gerne dem Urteil im Gästebuch des Künstlers anschließt: Große Performance – Respekt!

zurück