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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Auf Schwarz sieht man alles

MAINZ – Ein Herr Reuter am Klavier? War das nicht der mit dem „Überzieher“, dem „Blusenkauf“ oder „Alles weg’n der Leut‘“? Wenn er sich mit zwei „t“ schreibt und Otto heißt, dann schon. Doch der starb bereits 1931. Jener Herr Reuter, der jetzt sein Unterhaus-Debüt gab, heißt Matthias. Und besingt auch keine Kleidungsstücke.

Aber ansonsten haben der große Couplet-Sänger der 20er und der Musikkabarettist aus Oberhausen einiges gemeinsam: Beide nutzen das Piano für den spielerischen Umgang mit der Pointe, um mit Hintersinn feingeistigen Humor, intelligente Anmerkungen und zuweilen leise Kritik zu versprühen.

Matthias Reuter ist ein frisches Ruhrgebiet-Gewächs: geradeheraus und mit dem Herz auf der Zunge. Studiert hat er Germanistik. Und da ihm der Schuldienst und das Taxifahren nach eigenen Angaben nicht so liegen, kam für ihn nur der Beruf des Kabarettisten in Frage. Unter anderem erkannte Christof Stählin das Talent des heute 33-jährigen und berief ihn in die Liedermacherschule SAGO.

„Auf schwarz sieht man alles“, heißt der delikat formulierte Titel seines aktuellen Solo-Programms. Und hier präsentiert er alles andere als Farblosigkeit. Zerfleddert sind die Blätter: „Benutzt“, nennt Reuter das: „Ist eben Gebrauchslyrik.“ Seinen Witz sucht und findet er im Kleinen, Alltäglichen. Aus dem typischen Satz des Ruhrgebietes „Watt ham’ die sich denn dabei jetzt widder überlegt?“ installiert er augenzwinkernd eine tragfähige Verschwörungstheorie, um sich das Leben zu erleichtern: „Ist immer noch besser, als sich aufzuregen.“

In einer weiteren Szene sieht er sich durch einen grobschlächtigen Autofahrer eingeparkt und betreibt munter Konfliktforschung, indem er auf die „erhöhte Eskalationsbereitschaft“ seines Gegenübers einfach mit dem rhetorischen Kniff des Totquatschens reagiert. Auch in den Geschichten über die Terror-Gefahr im ICE oder den Kindergeburtstag im Autokino erweist er sich als feiner Beobachter mit wachem Gespür für Situationskomik.

Kein Zweifel: Das leider etwas spärlich erschienene Publikum und auch Reuter selbst haben an diesem Abend Freude mit- und aneinander. Ansprechend leger stolziert er über das Elfenbein der Tastatur und unterbricht seine Lieder über Nachwuchssorgen oder elterliche Kreativität bei der Namensfindung sowie den Schrecken, als er bemerkt, dass er konservativ wird mit flapsigen Kommentaren.

Der Überraschungsmoment und vor allem die Kürze sind dabei seine Stärken. Denn auch, wenn der Gehalt der ausführlicheren Nummern nicht ohne ist, sind es die kompakteren, die seinem Programm vor allem im ersten Teil einen knackigen Drive verleihen.

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