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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Frivoles Spiel mit Dichtung und Wahrheit

MAINZ – Steht diese Dame wirklich schon seit 20 Jahren auf der Bühne? Die naiv-jugendliche Frische, das Obskur-Komische, die in ihren Nummern spürbaren Gehirnströme und nicht zuletzt die wohltönende Stimme, mit der Nessi Tausendschön ihr Publikum bezirzt, strafen den Zweifler Lügen. So viel unverbrauchter Elan schreit ja förmlich nach einem Best of, das Tausendschön jetzt zusammen mit William Mackenzie an der Gitarre im Unterhaus kredenzte.

Sie nennt es freilich „Das Beste“ – für den von Anglizismen strotzenden Mainstream ist sich diese Künstlerin zu schade. Und auch sonst legt sie ein erfrischendes Selbstbewusstsein an den Tag, das neidisch staunend macht. Grund genug hat Tausendschön dafür: Ihr Name ist Programm; immer wieder zaubert sie eine neue Figur, einen neuen Charakter aus dem Ärmel. Mal ist sie der alkoholkranke Schutzengel ihrer selbst, und lallt angeschäkert aus dem himmlischen Nähkästchen, bevor sie sich mit einem umgedichteten „What a wonderful world“ rauschgolden den Weltschmerz von der Seele röhrt. Dann gibt sie eine Verklemmung auf zwei Beinen auf der Suche nach dem Traumgatten.

Unvergessen und daher beim „Besten“ ein Muss ist die Sportreportage vom „Kunstvögeln aus dem Oswald-Kolle-Bumsodrom in Poppenbüttel“. Unverfroren goutiert Tausendschön den anzüglichen Slang und adelt das Vulgäre mit feinem Humor für diesen Moment als große Kunst: Die Latte liegt hoch, doch der „Rittberger mit Gesäßklammer und Beckenschere“ gelingt den frivolen Turnern ebenso wie Tausendschön ihr Publikum zu umgarnen versteht: „Jetzt fragen Sie sich vielleicht: Hat die Frau das nötig? Nein, aber es macht mir Freude.“

Derart sprititzigen Sprachwitz dokumentiert auch die dramatisch deklamierte Liebeslyrik, deren Reime – Todesarten auf „-urzen, -icken, -mpfen, -enken“ oder „-aften“ – von ihren Gästen jeweils ergänzt werden dürfen: „Hier gibt es eine Meta-Ebene, das passiert schon mal“, spielt die Künstlerin mit Dichtung und Wahrheit.

Bei allem jedoch ist klar: „Ich bin die Priorität.“ Das wird im einseitigen Dialog mit dem Publikum ebenso deutlich wie im Zusammenspiel mit dem begnadeten Musiker William Mackenzie: Der Kanadier, der sich während eines tausendschönen Kostümwechsels auch als toller Pausenclown in die Herzen seines Publikums jongliert, greift beherzt in die Saiten und lässt den Bottleneck über den Bund gleiten, dass es eine Freude ist: Blues, Jazz, Folk – stilsicher ist er weit mehr als Tausendschöns Begleitung. Und die ist nicht allein: Neben indischem Geschirr und einem quäkenden Theremin kommt natürlich auch die singende Säge zum Einsatz: Mit anmutigen Glissandi entlockt sie dem Stahl betörenden Gesang, den sie mit der eigenen Stimme verstärkt. Auf weitere 20 Jahre also – mindestens!

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