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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Die wunderbare Welt der Amnesie

MAINZ (19. April 2013). Bescheidenheit war noch nie ihre Stärke – und das ist gut so: Nessi Tausendschön geht nicht nur mit ihrem Künstlernahmen in die Vollen, sondern zieht auch auf jedem Quadratzentimeter Bühne alle Register: Stimmlich, sinnlich, humorvoll – die Diseuse zieht in Begleitung von William Mackenzie auf Saite und Fell auch ihr neues Programm „Die wunderbare Welt der Amnesie“ in bewährter Manier auf.

Nach dem Vorher-Nachher-Bild für „Google-Publikum-Viewing“ stellt sie klar: „Die Priorität steht in der Mitte – und sie trägt geblümt.“ Da hat auch der Herr in der dritten Reihe nichts zu lachen und einem Gast, den die Blase drückt, rennt sie schon mal hinterher – wer eine Karte für Nessi Tausendschön erwirbt, wird mit hundertprozentiger Anarchie konfrontiert.

Und mit grandiosen Bonmots, denn der „wunderbaren Welt der Amnesie“ geht es natürlich ums Vergessen und Verdrängen. Sogleich wird deutsch dekliniert: „Wir vergessen, wir vergaßen, wir haben vergast.“ Hirnlosigkeit sieht Tausendschön daher durchaus als Vorteil und singt den Titelsong des Abends über Angst und Steuererklärung: Hauptsache, man vergisst und verdrängt. William Mackenzie erweist sich nicht nur hier als brillanter Begleiter und Musiker.

Nessi Tausendschön hingegen geht die Stringenz des Virtuosen ab, sie streut ihre Gags lieber breitflächig und agiert als Clown ohne Schminke. Die Komikerin beherrscht über 50 Ausdruckstänze: „Ich kann die Missgunst, die Gewalttätigkeit und Krankheiten wie Myxomatose, bovine spongiforme Enzephalopathie und Masern.“

Formuliert wird gekonnt („Politik ist wie eine riesige Orgel – mit den dazugehörigen Pfeifen“) oder auch schon mal leicht daneben, wenn Ex-Minister-Guttenberg beschuldigt wird, als Täuschungsmanöver Fukushima in die Luft gejagt zu haben. Tausendschöns Angriffe auf die Lachmuskulatur sind jedoch derart intensiv, dass man gemäß dem Thema des Abends schnell vergisst, sich zu echauffieren.

Versöhnt wird man sogleich durch wunderbare Musik, bei der neben Mackenzies Slide-Guitar auch die singende Säge erklingt. Und plötzlich wird auch Tausendschön zum Plagiat, imitiert gekonnt Max Raabe und kopiert (etwas seichter) die Sängerinnen Lena, Nena und Nina. Ein Höhepunkt ist da eher der an Kollege Schmickler erinnernde Wutanfall der Künstlerin mit einem Rundumschlag auf gierige Banker und Politiker: „Sie sind wie Tauben: Sind sie unten, fressen sie uns aus der Hand – sind sie oben, kacken sie uns auf den Kopf…“

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