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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Bestnote im Versagen

MAINZ (31. März 2016). „So viele Leute, die sich deprimieren lassen wollen“, schmunzelt ein älterer Unterhaus-Besucher an der Abendkasse über das zahlreich erschienene Publikum. Ob er ins kleine Haus zu Frank Sauer geht? Oder ist er etwa auch einer, der eine Karte für den „Demotivations-Workshop“ von Nico Semsrott erworben hat?

Das ausverkaufte Haus ist in der Tat eine Überraschung, denn der Kabarettist erfährt zu Beginn: Nur sehr wenige haben ihn schon mal live erlebt. Der Rest teilt sich paritätisch auf: Die eine Hälfte kennt Semsrott aus dem Internet, die andere angeblich noch gar nicht. „Sie werden es heute sehr schwer haben“, warnt der Künstler.

Semsrott steht auf der Bühne, die Kapuze seines Pullovers tief ins Gesicht gezogen, so dass die große Brille fast verschwindet – fertig ist das Bühnenoutfit, das die zurückhaltende Niedergeschlagenheit des Mimen so treffend unterstreicht. Phlegmatisch berichtet Semsrott über das, was ihn beschäftigt, verunsichert und bedrückt. Der Titel seines Programms lautet: „Freude ist nur ein Mangel an Information“.

Wenn Menschen alles nur kritisieren, an allem herumnörgeln und nie zufrieden sind, dann kann das einem Gegenüber schon mächtig zusetzen. Semsrott aber geht einen Schritt weiter: Er zieht sich in seinen Kapuzenpulli zurück wie in ein Schneckenhaus. In der Realität würde man so lange wie möglich versuchen, so einen Menschen aufzumuntern. Die Kunstfigur von Semsrott gibt hingegen gleichsam die Kassandra der griechischen Tragödie, die das Unheil beschreibt, doch kein Gehör findet.

Anders das Unterhaus-Publikum, das schnell begreift: Es lohnt sich durchaus, diesem großartigen Kabarettisten zu lauschen. Natürlich sind seine Power-Point-Präsentationen, mit denen er beschreibt, warum der Mensch zwingend scheitern muss, bei aller Freiheit keine Wahl hat und stets die falschen Entscheidungen trifft, klug, zuweilen bissig und unheimlich lustig. Doch in der absoluten Negation steckt auch mehr als ein Körnchen Wahrheit, das Überzeugungen mächtig knirschen lässt.

Denn dass einem angesichts der Realität das Lachen vergehen kann, dazu muss man kein geborener Pessimist sein. Semsrott klagt an, ohne die Stimme zu erheben: Im monotonen Duktus bezweifelt er einfach die Argumentation derer, die sich im „Krisenstaat Deutschland“ gegen Flüchtlinge auflehnen. Der Kabarettist selbst haust mit einem geflohenen Syrer in einer Wohngemeinschaft und nennt eine fast schon erschreckende Zahl: Allein in Hamburg leben 42.000 Millionäre, in ganz Deutschland gar eine Million: „Wie sollen wir das nur schaffen?“

Diese Frage ist so beschämend wie die Einsicht, dass der christliche Humanist im Kapitalismus gefangen ist, es sei denn er nimmt sich das Leben oder wandert nach Nordkorea aus. Irgendwie kann man Semsrott schon verstehen: „Freude ist nur ein Mangel an Information.“ Die aber bekommt man an diesem Abend perfekt aufbereitet. Kopf hoch!

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