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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Finnische Finten

MAINZ (9. Oktober 2011). Nein, die berühmten drei Chinesen mit dem Kontrabass sitzen nicht auf der Unterhaus-Bühne. Aber so etwas ähnliches, nämlich drei Finnen mit einem Keyboard: Makki, Mika und Aki eben.

Was mit „Samen san hefftika storma“ als „Lappen-Musical“ angekündigt wird, entpuppt sich als hochamüsantes Spiel mit Klischees, was spätestens seit dem grandiosen Erfolg der „Familie Popolski“, die der ihnen gestohlenen Pop-Musik hinterherjagt, ein Garant für herrlich skurrile Unterhaltung sein kann. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass sich die Protagonisten in die Seele ihres Sujets hinein denken und fühlen, um der Karikatur pralles Leben einzuhauchen. Bei „Nordkvark“ klappt das bestens.

Wortkarg betreten die drei Finnen-Mimen (Benjamin Höppner, Burkhard Niggemeier und Tim Porath) die Bühne und rauchen erst mal eine. Erstens ist das als Kunst erlaubt und zweitens offenbar wenig potenzschädigend, denn sie sind „Mr. Bombastic“ und „Mr. Lover“: „Samen san hefftika storma / hefftika eine orkan. / Samen san fiell hotja luava / hotjaneien eine vulkan.“

Geascht wird in den Ärmel des Bühnenpartners und sogleich das frisch Erlernte rezitiert: „Spundekäs mit Brezzelscher“. Ansonsten findet der Abend auf Pseudofinnisch und radegebrochenem Englisch statt, erklärend unterstützt von Mimik und Gestik. Man versteht alles – wenn man nicht gerade aus vollem Herzen zu laut lacht.

Um ein echter Same zu werden, muss man sich natürlich so manchem „Rittuale“ unterziehen – irgendwas mit Fisch, Alkohol, Bären, Schnee und Mobiltelefonen. Auf jeden Fall sind die Lieder, die die drei Skandinavier da in gekonnter Polyphonie-Parodie anstimmen, stets furchtbar traurig. Denn Finnland gehört zu den am dünnsten besiedelten Ländern Europas und hat zwar den Euro, aber wenn man Makki, Mika und Aki glauben mag, nur eine einzige Frau. Und auch dann muss man(n), dem Drang nach körperlicher Vereinigung folgend, erst mal mit Verkehrsproblemen kämpfen, bevor einen ein Übermaß an Vodka hängen lässt.

Da hilft nur gute Ernährung, und zwar „wilde Lakkse“. Konsumentenfreundlich als Fischstäbchen vertrieben, werden sie auf der Bühne angebrutzelt und ein Gout nach den Weiten der bottnischen und finnischen Meerbusen streicht durchs Unterhaus-Gestühl – „outside crispy, inside frozen“ und damit das genaue Gegenteil der finnischen Gäste: außen kühl und innen knusprig.

Davon kann man sich nicht nur akustisch, sondern auch optisch überzeugen, wenn die skandinavischen Botschafter mit Saunatuch oder in finnischer Tracht auf der Bühne tanzen, die Grazien im Publikum bitten, sich zu Ehren der verstorbenen Väter auszuziehen und zu ABBAs „Waterloo“ am eisigen Wasserloch ihre „Lakkse fissken“. Der Rest von Europa muss sich angesichts dieser Offerte warm anziehen, denn es stimmt: Samen san hefftika storma, hefftika eine orkan…

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