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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Pointen präzise platziert

MAINZ (19. März 2015). Nachdem Adrian Engels und Markus Riedinger in ihrem Vorgängerprogramm „Auswandern gilt nicht“ den Deutschen zum Hierbleiben verdonnert hatten, musste der sich mit den Verhältnissen abfinden. Doch die beiden Kabarettisten lassen den Michel nicht allein und präsentierten im Unterhaus jetzt „Neues aus der Lobbythek“. Denn Deutschland ist ein Lobbyisten-Paradies, in dem vor allem gewesene Politiker ganze Schafherden ins Trockene treiben können.

Das Auftreten von Engels und Riedinger, die sich nur deshalb „Onkel Fisch“ nennen, weil „Spice Girls“ schon vergeben war, ist seit jeher seriös: schwarzer Anzug, weißes Hemd, Krawatte – fast wirken sie ein bisschen wie Bestattungsunternehmer – vielleicht kommt daher das Schwarzhumorige. Ihr Markenzeichen ist der spontane Witz, den sie mit gewinnender Sympathie ausleben.

Warum man bei allen grandiosen Pointen, die das dynamische Duo präzise platziert, eigentlich dennoch nichts zu lachen hat, erfährt man am Schluss des Programms, das die Künstler mit einer packenden Atemlosigkeit präsentieren. „Wenn Deutschland eine Fernsehsendung wäre, dann hieße sie wohl ,Lobbythekʽ“, erklären „Jean und Pütz“ im breiten Rheinisch den Titel und tauchen tief in die Widersprüchlichkeit der politischen Einflussnahme durch die Wirtschaft ein.

Natürlich ist jeder gegen Lobbyismus, doch mag man sich als Exportnation wirklich daran reiben? Deutschland ist der viertgrößte Waffenexporteur, erfährt das Publikum – trotz Willy Brandts Ausspruch, dass von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgehen dürfe. Aber da Osama bin Laden seinerzeit mit einem Gewehr aus deutscher Produktion getötet wurde, zitiert „Onkel Fisch“ lieber den CDU-Abgeordneten Dr. Joachim Pfeiffer, nach dem man keine Waffen exportiert, sondern „den Frieden in die Welt verkauft“. Dazu bemerkt Engels trocken: „Dann könnte ein Busengrapscher auch sagen, er nehme gerade eine Mammographie vor.“

„Onkel Fisch“ hat für „Neues aus der Lobbythek“ viel recherchiert und sich in den euphemistischen Sprachduktus der Interessenvertreter hineingedacht. Vieles davon hat man irgendwann schon mal gehört – und wieder vergessen. In der bissigen Addition des Übels aber wird einem das Ausmaß der Misere einmal mehr deutlich – eine grandiose Eulenspiegelei also. Woran man einen Lobbyisten erkennt, erklärt „Onkel Fisch“ mit einem herrlichen akustisch untermalten Sketch à la Heinz Sielmann, wenn das „gierige Beuteltier mit seinen Raffzähnen“ zur Balz antritt: „Hier spricht man von Networking.“

Da das Kabarett aktuelle Missstände durch die satirische Karikatur hervorheben soll, erweisen sich Engels und Riedinger als zwei gewiefte Anwälte des Genres. In Sicherheit darf sich das Auditorium aber keinesfalls wiegen, denn wie ein Bumerang trifft einen die Schelte am eigenen Kopf, wenn „Duo Fisch“ die „schweigende Mehrheit“ besingt, die sich lieber mit dem Bestehenden arrangiert – und ins Kabarett geht. Dieser Satz fällt ganz leise, doch lauter kann Gesellschaftskritik kaum sein.

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