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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Plädoyer für Europa

MAINZ (30. März 2017). Natürlich kann man viel an Europa kritisieren, schließlich wächst mit jeder Gemeinschaft auch die Zahl derer, mit denen man nicht unbedingt einen Abend verbringen wollte. Zwei, denen man allerdings die ganze Nacht zuhören und -sehen könnte, sind Adrian Engels und Markus Riedinger, die als „Onkel Fisch“ mit anarchischem Humor das politische Kabarett nicht nur bereichern, sondern ihm eine ehrliche Stimme verleihen.

„Europa – und wenn ja wie viele?“ heißt das aktuelle Programm, in dem der Staatenbund kräftig gegen den Strich gebürstet wird: Warum ist derjenige, der Luxemburg als Premierminister zum Steuerparadies formte, jetzt Chef der EU-Kommission? Warum wehren sich die Finanzminister dagegen, halbgare Fiskaltransfers zu verbieten? Warum zeigt man sich von Flüchtlingsströmen so überrascht? Und warum werden wichtige Fragen wie die der Atommüllentsorgung immer nur vertagt?

In atemberaubender Geschwindigkeit spielt „Onkel Fisch“ klassisches Nummernkabarett par excellence und umkreist das Thema Europa vielseitig, gut informiert und mit satirischem Feingeist. EU-Mythen wie die Bananen-Verordnung oder realer Unsinn wie das „Verantwortungs-Outsourcing“ nach Brüssel stehen Pegida-Demonstranten gegenüber, die sich nun auch gegen die Katholisierung Sachsens stemmen: „Am 6. Januar schicken die Kinder betteln und rechtfertigen ihre Schmarotzermentalität mit dem Spruch ‚Geben ist seliger denn nehmen‘.“

Bei aller Kritik, die sich die EU an diesem Abend gefallen lassen muss, erweist sich „Onkel Fisch“ aber als glühender Verfechter des Staatenbundes. Und nachdem man gegen die „geistigen Zwergkaninchen der AfD“ ausgeteilt hat („In Populist stecken die Begriffe Po und List!“), hält Markus Riedinger ein flammendes Plädoyer für die EU und ihre Idee von Gemeinschaft, Toleranz und Kompromissbereitschaft: „Das klingt nach Bullerbü, aber es funktioniert, wenn alle mitmachen.“

Da wird es plötzlich ganz still im Unterhaus, bevor nach dem Satz „Mit Europa ist man weniger allein“ dankbarer Applaus aufbrandet. Bei allem intelligentem Klamauk, mit dem die beiden hochtalentierten Mimen den Abend so herrlich unterhaltsam machen, bleibt dieser Augenblick haften: Selten war aktuelles Kabarett so authentisch und ergreifend, ohne den moralischen Zeigefinger zu heben.

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