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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Die hohe Kunst der Absurdität

MAINZ (14. Februar 2014). Nichts ist fertig, als das Publikum im ausverkauften Frankfurter Hof Platz genommen hat: das Bühnenbild noch in Arbeit, ein Team von Roadies, das aufgeregt daran werkelt – als ob das nicht schon genug Tumult wäre. Und dazwischen: Thomas und Volker Martins, die beiden Protagonisten vom Chaostheater Oropax.

Volker trägt Perücke und aus dem Auditorium schallt es gut gelaunt: „Du siehst scheiße aus!“ Die Dame spielt offenbar gerne mit dem Feuer, denn stets sucht und findet Oropax mehr oder weniger willige Opfer; doch von der Bühne kommt die coole Replik: „Kannst Du mit Deinem Freund bitte leiser reden?“ Säße die Dame in der ersten Reihe, sie hätte sich gewünscht nie geboren zu sein.

Dann aber hätte sie einen furiosen Abend verpasst: „Chaos Royal“ heißt das aktuelle Programm der beiden Brüder aus dem Breisgau. Wären die beiden tatsächlich Mitglieder eines Königshauses, man hätte sie schon längst auf einer einsamen Insel ausgesetzt. So aber darf Oropax schon lange gern gesehener Gast in Mainz sein und hat eine treue Fangemeinde, die die einzigartige Melange aus derbem Humor und filigranem Wortwitz, zartem Hintersinn und brutaler Plattheit zu schätzen weiß.

Wo fängt die Show an? Und vor allem: Wann? Volker hat den Minutenzeiger seiner Uhr fixiert: „Ich wollte den Sekundenkleber demütigen.“ Jedes kleinste Wort hat bei Oropax das Zeug zur großen Pointe, keine Idee und Frage ist zu absurd: Kann man mit einem Rollator fremdgehen? Ist die Nudel, die Thomas aus dem Mund hängt, tatsächlich eine Zahn-Pasta? Wie hoch ist die Durchfallquote bei Abführmitteln? Und was ist mit dem Paketboten Peer Nachna(h)me? Alles wird in absurde Szenen montiert und bekommt dadurch seinen (wenn auch fragwürdigen) Sinn.

Simpel, aber effektvoll ballern die Brüder Martins ihr Kalauerbombardement breitflächig ins Publikum, das sich vor Lachen die Bäuche hält und die Tränen aus den Augen wischt. Wo der klassische Zirkusclown aufhört, macht Oropax kraftvoll weiter – mit Kostüm und Requisite, Grimassen und gut platzierten Running gags: Seit Jahren wandern Harald Pinski oder der Mönch einer biblischen Plage gleich durch die Programme, sind Volkers Glatze und Thomas‘ langes Gesicht ein Thema. Dazu kommen in „Chaos Royal“ das Klorakel und eine Lesung aus „Shades of grey“ – geschrieben hat es „ein erotischer Roman“.

Die rasanten Shows fußen dabei auf zwei soliden Säulen: Wortwitz wird gestisch und mimisch geradezu plastisch visualisiert, Geistiges bekommt Körper. Und wo die Qualität aussetzt, springt die Quantität ein: Scharfsinnige Albernheit derart überzeugend zu mimen, ist keine kleine Kunst. Und dann sind da diese unbändige Spielfreude und kindliche Begeisterung über die Wirkung der Scherze, die das gut durchdachte Programm mit dem aromatischen Gout der Improvisation adeln. Auch wenn man darunter eher etwas anderes verstehen mag: Mit Oropax erlebt man ganz großes Theater.

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