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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Akustische Mörderjagd im nebligen London

MAINZ (18. Januar 2015). Doch, es gibt sie noch, die guten alten Hörspiele. Früher liefen sie in den Kassetten-Recordern, heute auf dem CD-Player. Und auch im Radio sind sie weiterhin präsent – zuweilen als große Produktion wie jüngst eine spannende Fassung von Robert Stevensons „Schatzinsel“, die der Hessische Rundfunk mit namhaften Sprechern, darunter „Tatort-Kommissar“ Udo Wachtveitl, vertonte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte das Genre natürlich einen weit höheren Stellenwert: „Vor dem Fernsehen und diesem Internet, von dem man jetzt so viel liest“, scherzt Bastian Pastewka im ausverkauften Frankfurter Hof. Dort erlebt das Publikum ein Hörspiel live: „Paul Temple und der Fall Gregory“, synchron vertont und gesprochen von Pastewka und vier weiteren Schauspielern.

Man kennt den Mimen – als glänzenden Comedian aus der „Wochenshow“, herrlichen Parodien mit Ange Engelke, einem gut gelaunten Weihnachts-Film mit Christoph Maria Herbst und natürlich der Sitcom „Pastewka“, in der sich der Namensgeber mit beneidenswerter Selbstironie schlicht selbst spielt.

Hier erfährt man auch, dass er gerne in der künstlerischen Vergangenheit schwelgt. Und so ist es ihm fast schon eine persönliche Herzensangelegenheit, die Ende der 1940er Jahre in Deutschland produzierten Hörspiele um den englischen Krimiautor und Detektiv Paul Temple zum Leben zu erwecken – bei allem Witz auch eine passionierte Leidenschaft, die dem Vorhaben die nötige Tiefe verleiht.

Mit Edda Fischer, Janina Sachau, Alexis Kara, Kai Magnus Sting und Bastian Pastewka stehen an diesem Abend fünf Vollblut-Komödianten auf der Bühne, die die Geschichte gemeinsam dialogisierend erzählen und dabei ganz klassisch alle Geräusche von der Autotür über das Gläserklingen, die Schreibmaschine, das Telefon oder Schritte selbst produzieren.

Die Story um mehrere Frauenmorde, Entführung und Erpressung ist wie alle Temple-Fälle einfach gestrickt, aber trotzdem muss man aufpassen, um den Faden nicht zu verlieren – der Reiz des Hörspiels eben. Der platte Witz ist dabei aber nicht der Star des Abends, sondern eine Einzigartigkeit, die das Ensemble mit Situationskomik, Gesang und improvisatorischer Finesse intelligent wie hintersinnig entstehen lässt.

Immer wieder steigt man aus der Handlung aus, kommentiert, mault gruppendynamisch über die Rollenverteilung – natürlich ist Pastewka der Held – und liefert Hintergrundinformationen zum Stück aus der Feder von Francis Durbridge (1912-1998), der seinerzeit die Hörer an den Äther band.

Das Ganze wird mit stimmigen Schwarz-Weiß-Bildern und Auszügen des Originaltextbuchs des Nordwestdeutschen Rundfunks Köln aus dem Jahr 1949 sowie der Originalmusik von Hans Jönsson optisch und akustisch illustriert – ein Erlebnis und ein Spaß gleichermaßen, was man auch ganz klassisch im Radio hören kann: SWR2 sendet den „Fall Gregory“ mit Pastewka und seinen Komplizen am 23. und 30. Januar jeweils ab 22.03 Uhr.

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