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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Treffende Karikaturen

MAINZ (2. November 2015). Es ist mitunter ein beliebtes Stilmittel von Kabarettisten, in eine Rolle zu schlüpfen und die Welt mit deren Augen zu sehen: Gerd Dudenhöffer spielt seinen Heinz Becker, Jutta Wübbe ihre Marlene Jaschke, Hans-Hermann Thielke mimt den schrulligen Postbeamten, Dirk Bielefeldt das Pendant von der Polizei (im Unterhaus zu sehen am 29. und 30. November). Gleich im Duo treten Rainer Pause und Norbert Alich auf: als Fritz Litzmann und Hermann Schwaderlappen.

In Mainz präsentierte das Duo jetzt sein aktualisiertes Programm „Früchte des Zorns“. Seit 25 Jahren stehen die beiden Rheinländer nun schon auf der Bühne, sind selbst Protagonisten des Bonner Pantheon-Theaters, Bühne für die Größen der Szene, Verleiher des renommierten Kleinkunstpreises „Prix Pantheon“ und Austragungsort der alternativen Karnevalssitzung Pink Punk Pantheon – mit Theatergründer Pause und Alich als Sitzungspräsidenten.

Nun also auf der Unterhaus-Bühne: Pause im Frack, Alich im Cutaway, das Haar nach hinten gegelt und eine dicke Hornbrille auf der Nase. Auch wenn letzteres Accessoire wieder voll in Mode ist, bei den beiden Protagonisten unterstreicht es mit dickem Federstrich die Attitüde des Ewiggestrigen. Pause und Alich durchkreuzen dieses selbst gezeichnete Bild jedoch damit, dass sie sich durchaus selbstbestimmt ihre Gedanken machen – im Duett und als Solist.

Da schwadroniert Alich als selbstempfundener „Feminist der ersten Stunde“ über die Rolle der Frau und das Thema Emanzipation – für ihn so etwas wie eine ansteckende Krankheit. Nein, die Frau hat sich wie dereinst in der Höhle des Steinzeitmenschen um die Familie zu kümmern, während der Mann das Mammut erlegt. Eine Frauenquote in der Führungsetage ist für Schwaderlappen nicht diskutabel – oder nur, wenn die Dame drei Kinder großgezogen und immer wieder bestimmt habe, dass der jüngere Bruder die Hose der älteren Schwester auftragen müsse. Erst dann sei sie für das Rationalisieren und Abstoßen in großen Konzernen qualifiziert.

Fein beobachtet und süffisant kommentiert, das Ganze: Beim Thema Bundeswehr erregen sich die Herren herrlich und legen dar, warum der deutsche Waffenexport eine friedenssichernde Maßnahme sei: Wenn alles außer Lande verkauft werde, habe man selber nichts, um zu schießen. Im Umkehrschluss befürchtet Litzmann: „Gelegenheit macht Diebe.“ Mit ihren verqueren Gedanken, denen sie sich gegenseitig zudem ständig widersprechen und in abgebrochenen Sätzen verheddern, zeigen sie punktgenau die Antagonismen der deutschen Politik auf.

Von Stephan Ohm am Klavier begleitet zitieren Pause und Alich singend die Schlagzeilen: „Da ändern sich nur die Namen, der Inhalt nicht.“ Um seiner Wut freien Lauf zu lassen, hat sich Litzmann eine Therapie verordnet: Mit überreifen Tomaten und gammeligem Sellerie bewirft er zu jedem Thema den Komposthaufen. Noch besser aber funktioniert es natürlich, wenn Pause und Alich ihre „Früchte des Zorns“ leidenschaftlich ins Publikum feuern.

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