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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Das feste Fundament des Marktes

MAINZ (10. April 2013). Er leidet – und kennt auch die Diagnose: kognitive Dissonanz. „Das bedeutet, man hat sich widersprechende Überzeugungen und Informationen“, doziert Erwin Pelzig alias Frank-Markus Barwasser. Gesunden wird er in diesen Zeiten kaum – aber die Symptome kann er behandeln: „Man biegt sich alles hin, bis es mental wieder passt.“

So „Zeuch“ mache der Mensch, wenn er Angst vor der Wahrheit bekäme, fränkelt der nicht nur als Öffentlichkeitsreferent der ZDF-eigenen „Anstalt“ bekannte Kabarettist und steckt damit das Terrain ab, in dem er sich an diesem Abend mit seinem Solo „Pelzig stellt sich“ bewegt.

Der Tipp, sich die Wirklichkeit schönzureden, kommt dabei nicht von ihm selbst: „Wenn es ernst wird, muss man lügen“, sagte der einstige Eurogruppenchef und Luxemburgs Premier Jean-Claude Juncker. Ist das Spiel mit der Wahrheit also politisch gedeckt? Pelzig ist sich nicht sicher: „Schäuble und Merkel glauben wahrscheinlich was sie sagen.“ Und vertrauten dabei auf die Ökonomen als Hohepriester der Märkte: „Die rühren ihren Hirnschiss so lange, bis aus Flüssigem ein festes Fundament geworden ist.“ Der schlaue Eulenspiegel gerät an diesem Abend nicht nur bei diesem Thema in Rage und erntet dankbar-wütenden Applaus. Ein Kabarettist als Überdruckventil der öffentlichen Meinung ¬– Barwassers Kunstfigur erfüllt diese Aufgabe wie kaum ein anderer in der Szene.

Und er schaut genau hin, erinnert an den Antrittsbesuch des Franzosen Hollande bei („seiner Chefin“) Merkel, echauffiert sich über Berlusconi und erinnert daran, dass in Haiders Auto damals noch Plätze frei gewesen wären: „Dem hätte ich seinen Phaeton bis unters Dach vollgepackt.“ Passagiere fallen Pelzig ohne Ende ein.

Doch Obacht – man hat sie schließlich gewählt. Und hier schlägt Pelzig ernüchtert von Parteienproporz und leeren Versprechungen vor: Politische Ämter werden zukünftig ausgelost! Die Angst, dass dann Inkompetenz ans Ruder käme, wird rasch verstreut: „Kontinuität bleibt ja gewahrt.“ Angesichts der Parteien keine schlechte Idee, denn der Wunsch der FDP nach Charakter erinnert Pelzig an den Phantomschmerz eines Beinamputierten und die SPD ist für ihn wie ein frierendes Zirkus-Lama in der Fußgängerzone: „Aus Mitleid gefüttert und meistens im Weg.“

Klar, dass die Realität auch dem Stammtischtriumvirat aus Pelzig, dem rustikalen Hartmut und dem indignierten Dr. Göbel nicht schmeckt. Hiermit wird das Solo geschickt und nicht minder anspruchsvoll durchbrochen. Am meisten aber fesseln die besinnlichen Momente, in denen Pelzig ins Grübeln kommt und sich hinterfragt: Will er wirklich die nackte Wahrheit? „Sie ist ungeschminkt und daher eher abstoßend.“ Dann doch lieber die eigene Angst nutzen, denn „wer die Hose voll hat sucht frischen Wind.“ Wie die Menschen des arabischen Frühlings, mit denen er die deutsche Wirklichkeit vergleicht: „Die würden gerne wählen können: zwischen Merkel und Steinbrück. Oder zwischen Rösler und Niebel?“ Übertreiben will Erwin Pelzig nun auch nicht…

Weitere Informationen und Termine gibt es im Internet unter http://www.pelzig.de.

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