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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Im Salon des 21. Jahrhunderts

MAINZ (22. Mai 2014). Der Kabarettist Hagen Rether nennt sein immer wieder aktualisiertes Programm schlicht durchgehend „Liebe“; Thomas Pigor und Benedikt Eichhorn nummerieren einfach durch und präsentierten im Unterhaus den jubelnden Fans jetzt „Volumen 8“. Einmal mehr bürsten die beiden Vollblutmusiker das Genre des klassischen Chansons kräftig gegen den Strich und beweisen, dass einem hier nicht nur Namen wie Edith Piaf, Jacques Brel, Hildegard Knef oder Charles Aznavour einfallen, sondern eben auch: Pigor und Eichhorn.

Der gebürtige Alzeyer Thomas Pigor, der am Tag des Mainz-Gastspiels nebenbei auch Geburtstag feiern konnte, und sein pianistisches Pendant Benedikt Eichhorn haben für das neue Programm wieder tief in die Themenkiste gegriffen. Topaktuell ist man jeden Monat mit einem eigenen Chanson auf SWR2 – im Internet kann man sie alle nachhören und allein damit einen veritablen Kleinkunstabend am heimischen Rechner erleben.

Aber auch die „Volumen“ haben es eben in sich: Man will „intelligent, aber nicht zu intelligent“ sein und den Berliner Salon des 19. Jahrhunderts in das 21. verpflanzen. Also werden uninteressante Drei-Minuten-Vorträge über Wagner oder die doppelte Buchführung gehalten und ein Protestsong gegen die Oper angestimmt: Dort will Pigor partout nicht hin – es sei denn, man führt im Konzertsaal Tischbedienung ein und verpflichtet einen professionellen Film-Cutter zur Reduzierung des Stoffes auf 90 Minuten.

Pigor und Eichhorn stehen ja bereits für eine perfekte Balance von Text und Musik. Da wird der Berliner Flughafen besungen und immer wieder fordert man: „Mr. Wowereit, open this gate!“ Doch der Wahl-Berliner Pigor wirbt hier eher für terminliche Toleranz: „In den Brandenburger Sand setzen wir entspannt den Airport Willy Brandt.“ Zu Beginn werden „heterosexuelle Männer mit Damenhandtaschen“ besungen, zum Schluss des Deutschen liebstes Kind: das Heimgewerk. Doch die beiden können auch ganz anders als unverfänglich lustig: Dann besingt Pigor große Abfindungen, Inkompetenz, Provisionen sowie Postengeschacher und bei der geflüsterten Drohung des „virtuellen Mob“, der Shit-Storm-Warnungen ausspricht, läuft es einem kalt den Rücken hinunter.

Die gewohnten (und geschätzten) Verbalschlachten sind allerdings einem Bühnenfrieden gewichen: Eichhorn durfte sich emanzipieren und stimmt ein herrliches Hass-Lied auf Nordrhein-Westfalen an, wohin die Liebste entschwunden ist: „Liebe, Trauer, Wut, Wut und Wut – dann wieder Liebe und Trauer.“ Der „Salon-Hip-Hop“, den das Duo hier mondän und mit Witz zelebriert, hat Breite und Tiefgang, inhaltlich wie stilistisch: So erinnert der Song über die „To do-Listen“ an Kurt Weill, das Lied über Renovieren im Traum an Frank Sinatra oder die intonierte Einsicht, dass „Müdigkeit der größte Feind der Zärtlichkeit“ sei, an Max Raabe. Und um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, erklingt als grandiose Zugabe die knackige Chanson-Parodie „Am Hauptbahnhof von Paris“.

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