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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Wohlsein!

MAINZ (27. Oktober 2011). Auch wenn sie (noch) in der Unterzahl sind, gibt es sie: Kabarettistinnen mit Fortune und dem richtigen Händchen, das fest zupackt – Martina Schwarzmann, Nessi Tausenschön oder Anka Zink, um nur drei Namen zu nennen. Drei weitere sind jetzt hinzugekommen: Nora Boeckler, Melanie Haupt und Judith Jakob bilden gemeinsam das „Proseccopack“ – allein schon dieser herrlich selbstironische Namen verspricht viel.

Und hält noch mehr: Ihr erstes Kabarett-Stück heißt „Frau der Ringe“. Die Freundinnen Cora, Josey und Sabine treffen sich, um einen möglichst epochalen Beitrag für die Hochzeit von Bärbel zu ersinnen; ihnen bleiben zwei Stunden Zeit und alles endet – natürlich – in einer Katastrophe: Cora bestellt das Buffet ab, weil es nicht Bio ist und Josey ruiniert das Brautkleid. Das Stück beginnt mit Bärbels Morddrohung und kippt dann gekonnt in die Rückblende, in der sich drei Gören mit riesigen Zahnspangen ewige Freundschaft schwören. Und die reiche Bärbel hassen.

Das Feld, auf dem diese humoristische Saat aufgehen kann, ist also gut bestellt: Sabine (Judith Jakob), die einst erfolgreiche Journalistin werden wollte, hat es immerhin in den Rundfunk geschafft – als Kabelträgerin; die grüne Cora (Nora Boeckler) ist geschieden und mit dem in Jugendjahren verschmähten Bernhard liiert, der jetzt die Sicherheit von Atomkraftwerken anpreist; Josey (Melanie Haupt) kaspert über die Bühne und ist als abgebrochene Studentin aller Fakultäten Gostwrigterin von Doktorarbeiten.

Alle sind also irgendwie gescheitert und bilden den plastischen Wiederpart zum Glück Bärbels, das sie zerstören werden. Beim Anblick eines Fotos des Bräutigams geraten sie in Wallung, denn er ist reicher Medienanwalt, befreundet mit Roger Willemsen, kann gut zuhören, schreibt Kinderbücher, hat eine Massageausbildung ist aus Liebe zu Bärbel schwarz geworden: „Sie findet Obama toll.“

Mit gekonnter Übertreibung lässt das Trio infernale die wertvolle Zeit verstreichen, schwelgt in Erinnerungen und diskutiert Probleme der Gegenwart. Sabine hat sich auf den Bundespresseball verirrt und saß am FDP-Tisch: „Der Rößler hatte befohlen, dass es den ganzen Abend nur Getränke gibt, die nicht mehr Prozent haben als seine Partei – also nur stilles Wasser.“ Cora sorgt sich um die Ernährung, freut sich auf die Wechseljahre in ihrem Passivhaus und Josey tippt Doktorarbeiten. Dazwischen wird die Integration des Mannes besungen und über Bärbel gelästert: Klopapier von Manufaktum, ein hochbegabter Kläffer, der nach dem Besuch einer zweisprachigen Hundeschule die Gäste mit „Miau“ begrüßt und eine türkische Putzfrau mit Doktortitel? Nagender Neid verleiht auch der flachsten Pointe kantiges Profil.

Boeckler, Haupt und Jakob sind ausgebildete Schauspielerinnen und Sängerinnen – das merkt man: Perfekt werden aktuelle Pointen platziert und die Handlung drängt kurzweilig voran. Nummern wie der Blick in Bärbels Kopf, die Vorstellung der BAF, der „Bürgerlichen Armeefraktion“ als Reaktion auf gut- und wutbürgerliche Proteste rund um Stuttgart 21 oder eine Videoeinspielung, in der die alte Cora mit der jungen über ihre zerplatzten Träume spricht, sind kabarettistische Glanzpunkte, die noch lange nachhallen. Bitte mehr davon!

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