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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Puzzleteile ohne Verbindung ergeben ein kolossales Bild

MAINZ (12. Juni 2015). Wo bleiben die Künstler? Während leise Jazzmusik aus den Lautsprechern tropft, betreten zwei Herren im dunklen Anzug die Bühne. „Ulan & Bator“, das angekündigte Kleinkunst-Duo, seit längerem endlich mal wieder im Unterhaus zu Gast, können es eigentlich nicht sein, denn sie machen nichts, sitzen herum und warten mit ungeduldigem Blick auf die Uhr ebenfalls darauf, dass die Vorstellung mit dem neuen Programm „Irreparablen“ endlich beginnt.

Doch dann zieht einer der Herren eine wollene Bommelmütze aus der Tasche und auch der andere findet eine solche Kopfbedeckung. Wie der Vollmond einen bis dato harmlosen Zeitgenossen in eine reißende Bestie verwandelt, werden Sebastian Rüger und Frank Smilgies unter der Kappe zu „Ulan & Bator“, um mit so rasantem Tempo in die dadaistische Welt des Nonsens abzutauchen, dass es einem den Atem nimmt.

Wo Kabarettisten an anderen Abenden die Welt zu erklären suchen, Politiker schelten oder dem Zuschauer den Spiegel vorhalten, gibt es an diesem Abend keine wirkliche Botschaft, selbst wenn die Worte „alternativlos“ und „Freihandelsabkommen“ zu hören sind. Auf dem Weg ins „Sozialhilfemuseum“ geht es noch „Drohnen füttern im Park“ und willig lockt man die possierlichen Flieger mit Daten und Identitätschips. Väter verhökern ihre Kinder, indem sie ihnen Produktnamen geben und im Bus wird die Revolution der ausgenommenen Fahrgäste durch einen billigen Trick verhindert.

Herrlich ist die Talkshow-Persiflage, in der ein Sean-Jean Putzfrauenhofer, dessen Buch „Das Monokel des Zyklop“ von „0 auf 2.800 der internationalen Album-, Download- und Hasen-Charts“ schoss vor sich hin monologisiert und ein aktuelles Thema angesprochen wird: „Islam – wirklich nicht bereit, weiter unter Löw in der Nationalmannschaft zu spielen?“ Sprache wird zersägt, es wird grimassiert und schlicht grandios sind die Parodie auf eine Radiosendung mit zeitgenössischer Musik, in der minutenlang und geräuschvoll Stühle über die Bühne geschoben werden oder Filmzitate zu einer faszinierenden Hörspielcollage montiert sind.

Ohne sie im mindesten zu kopieren, erinnern „Ulan & Bator“ an die britischen Komiker der „Monty Python“, die mit ihrem subversivem Humor vor allem eines wollten: in kindischer Naivität einfach ihre teils aberwitzigen Einfälle ausleben und schauen, wie weit sie ihr Publikum damit zum Lachen bringen konnten. Das funktioniert auch bei „Ulan & Bator“ wie am Schnürchen.

Da findet eine „Theater- und Kulturwoche“ statt, während der Carsten Maschmeyer und Warren Buffett über die „Freuden der Armut“ referieren und bislang unbekanntes „Filmmaterial“ des russischen Balletttänzers Rudolf Nurejew live über die Bühne „flimmert“. In einer Regierungserklärung wird die „Schere-Stein-Papier-Krise“ thematisiert, hervorgerufen durch die Einführung des Brunnens, und ein Uhrenvergleich kommt zum Schluss: „Meine ist schöner.“

Sinn im Unsinn – Unsinniges im scheinbar Sinnvollen: Letztendlich verschwimmt alles im kunstvollen Konstrukt des Abends, der viel zu schnell vorbeigeht – Puzzleteile, die nicht zusammenpassen und doch ein kolossales Bild ergeben. Am Schluss sitzen die Künstler im Publikum – ihre Bommelmützen haben sie abgenommen. Und fragen: „Wann geht’s denn los?“ Keiner im Auditorium hätte etwas dagegen, wenn der Spaß von vorne losginge…

Sebastian Rüger und Frank Smilgies haben sich 1990 an der Folkwanghochschule während der Ausbildung kennengelernt und beide beherrschen das Schlagzeugspiel. Diese Fertigkeiten nutzen sie auf der Bühne: Als Schauspieler gaukeln sie dem Publikum eine andere Welt vor, als Musiker finden sie den perfekten Takt dazu. Im aktuellen Programm ist sogar eine Szene aus Schillers „Don Juan“ zu sehen! Die Biografie von „Ulan & Bator“ berichtet davon, dass beide irgendwann sehr müde wurden, die Texte, Worte, Gesten, Anweisungen und Ideen Anderer umsetzen zu müssen. Alles weitere ist mittelweile ein Stück Kleinkunstgeschichte.

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