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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Bewegende Ein- und Rückblicke

MAINZ (17. Okotober 2013). Es ist spät geworden bei der Vorpremiere des Rainald Grebe-Konzerts im Frankfurter Hof. Gerade hat die Domuhr halb zwölf geschlagen, da treffen sich auf dem Leichhof zwei alte Bekannte, die beide die Vorstellung besucht haben – und sofort entspinnt sich eine kleine Debatte. Der eine trägt einen Bart, der andere raucht Pfeife.

Der Bärtige: Erstaunlich! Ein solcher Sog, eine solche Lebensnähe und Dichte – und das in einem Kabarettprogramm…

Der Rauchende: Kleinkunst, mein Lieber – Rainald Grebe spielt Kleinkunst. Dafür hat er schließlich schon zahlreiche Preise erhalten – und das völlig zu Recht!

Der Bärtige: Gut, gut – von mir aus Kleinkunst. Aber gerade das, eine kleine Kunst, war dieser Slalom durch die eigene Biografie, den der Mann am Klavier riskiert hat, gerade nicht, sondern: Es war Theater – also etwas großes.

Der Rauchende: Ein hehres Lob aus berufenem Munde. Wie hat es Sie eigentlich in die derart fremden Gefilde der Kleinkunst verschlagen? Die meiden Sie doch eigentlich…

Der Bärtige: Ich bin angeschoben worden durch eine DVD, auf der mir besonders die Songs gefallen haben, die sich nicht in billigen Pointen erschöpfen. Live hat sich das noch einmal spektakulär geweitet. Dieses lässig hingetupfte Zeitkolorit in den Liedern, diese kleinen Schnoddrigkeiten, mit denen Grebe ganze Jahrzehnte zu charakterisieren versteht, unterläuft und ironisiert er auf der Bühne durch ein wohlkomponiertes Chaos. Wobei mich während des gesamten Konzerts beschäftigt hat, wie viel er dabei tatsächlich dem Zufall und der spontanen Eingebung überlassen hat.

Der Rauchende: Das Ganze hatte auch einen unglaublich hohen Wiedererkennungswert für die Angehörigen seiner Generation. Eine solche Kindheit in den 1970er Jahren hat in Anklängen ja irgendwie jeder durchlebt und die gezeigten Fotos – Grebe im Indianerkostüm, mit Schultüte vor dem elterlichen Beton oder am Klavier – wird jeder in seinem analogen Fotoalbum finden…

Der Bärtige: Und dazu dann eine gereimte Frechheit wie diese: „Ich bin jetzt Beamter, na das ist doch was Feines“, / sprach der Vater: „Und jetzt machen wir was Kleines.“ Toll!

Der Rauchende: Diese Retrospektive hatte damit auch etwas anrührend Intimes, das aus der Anarchie des Dargebotenen warm herausstrahlt.

Der Bärtige: Und gerade diese Fähigkeit, grundverschiedene Stimmungen auszuloten und manchmal ruppig nebeneinander zu stellen, macht daraus mehr als pure Unterhaltung: nämlich Literatur.

Der Rauchende: Aber die hat etwas erfrischend Skurriles. Seine Anarchie erinnert zuweilen an Kollegen wie Helge Schneider, geht aber in ihrer Lebensklugheit über den reinen Klamauk weit hinaus. Musik – egal ob Schlager, Volkslied oder Billy Joel – ist eine wichtige Säule, aber der Text trägt genauso. Grebe versucht an diesem Abend ja, sein komplettes Leben zu digitalisieren. Hier wird Station für Station abhakt, wobei er sich mit der eigenen Biografie nicht nur komisch, sondern auch nachdenklich auseinandersetzt. Das Thema Flucht zum Beispiel: Seine Mutter zog von Breslau aus gen Westen, immer den „Russen im Rücken“ – und Grebe spiegelt diese Erfahrung in seinem eigenen Tourneeleben, wenn auch ohne den östlichen Nachbarn.

Der Bärtige: Ist das aber wirklich alles eigene Biografie oder sind es vielleicht nicht nur Rollenspiele?

Der Rauchende: Zählt das denn? Alles bleibt in der Schwebe und gibt dem Abend eine unglaublich packende Spannung. Erinnern Sie sich an die Szene, in der er seinen Zivildienst in der Nervenheilanstalt „Gilead“ in Bielefeld schildert?

Der Bärtige: Natürlich. Gerade das ist ein Paradebeispiel für Grebes Verfahren, den Zuschauer über seinen Lebensweg – ob fiktiv oder real – an die Ränder des Alltags blicken zu lassen. Oder sogar darüber hinaus.

Der Rauchende: Er ist ja in der Tat ausgebildeter Puppenspieler. Und das merkt man: Seine Vorstellungen sind wie eine grell ausgeleuchtete Bühne des Lebens, in deren Schatten sich jeder irgendwie wiederfinden kann. Und das verbrüdert einen mit diesem großartigen Rainald Grebe.

Das Gespräch notierten Jens Frederiksen und Jan-Geert Wolff.

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