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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Sprache von wütender Schönheit

MAINZ (19. November 2015). Wie ein Sturm fegt René Sydow auf die Bühne des kleinen Unterhauses. Begrüßung? Vorrede? Keine Chance: Sofort legt er los, ereifert sich, greift frontal an.

„Früher hielten sich Fürsten Hofnarren, heute halten sich Banken und Konzerne Politiker. Der Hofnarr durfte immerhin noch alles sagen.“ Wer die Macht im Lande, ja in der Welt hat, ist klar: Konsum und vermeintlicher Fortschritt, dem doch eigentlich nur wichtig ist, dass die Glühbirnen produzierenden Chinesen noch billiger sind als der Leuchtkörper selbst. Sydow kommt kaum zum Luft holen: „Ich kann nicht mehr! Aber auch nicht weniger.“

Das ist ein Versprechen. Und es wird eingelöst. Hier macht sich einer so richtig Luft, schickt die Optimierer wortgewaltig in die Wüste. Derartige Tiraden tun gut. Sydow serviert die richtigen Themen, alles hat Biss und Würze. Doch er formuliert keine Sichtweise vor, gibt einzig Denkansätze. Schließlich kursiere schon zu viel Halbwissen, das gepaart mit Gleichgültigkeit zu gefährlichen Meinungen mutiere. Nicht umsonst trägt das Programm den dynamischen Titel „Gedanken! Los!“.

Sydow hat Angst vor den Wölfen – doch mehr noch vor denen, die mit ihnen heulten: „Wir leben alle auf derselben Erde, aber in verschiedenen Welten.“ Da sind die „IT-Girls“, deren Schuhschrank den Wert des Bruttoinlandprodukts von Eritrea habe. Da sind „von Kopf bis Fuß auf Hiebe eingestellte“ Neonazis, da sind die unfassbar großen Sojafelder, um Bio-Sprit, Viehfutter und Tofuwurst zu ermöglichen: „Das ist die einzige Textstelle der Welt, bei der sich Fleischesser und Veganer gleichermaßen schämen müssen.“ Sydows Sätze sitzen, treffen ins Herz, ins Hirn: „Wir sind Weltmeister – warum denn nicht auch in Mitgefühl?“

Der Abend wird erleuchtet von einer eloquenten Brillanz, die ihresgleichen suchen darf: eine Sprache von wütender Schönheit und bezaubernd-poetischen Wendungen. Aus aktuellem Anlass spricht Sydow über die Religion, trägt einen Text vor, der ihm einst von TV-Redakteuren gestrichen wurde, doch im neuen Programm seinen Platz haben wird: Hierin fordert er Religionsfreiheit, also Freiheit von Religion, denn diese wiederum sei frei vom Lebenselixier Humor: „Warum heißt es Gottesfurcht, aber Heidenspaß?“ Sydow macht sich nicht lustig, aber er will es lustig haben.

Die letzte Nummer atmet sympathisch den Geist des großen Hanns Dieter Hüsch, wenn Sydow erklärt, was er als Kabarettist erreichen wolle: nicht Kind zeugen, Haus bauen und Baum pflanzen, sondern „einen Wind zeugen, der die Gedanken ins Publikum weht, ein Brockhaus bauen für das Wissen und einen Traum pflanzen“. Das ist ihm mit „Gedanken. Los!“ bestens gelungen.

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