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Schreibwolff-Magazin

Jan-Geert Wolff

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Aus dem Bauch heraus witzig

MAINZ (10. September 2010). Sascha Grammel ist nicht nur ausverkaufter Tourneekünstler, sondern auch gern gesehener Gast in den privaten TV-Formaten von Marzahns Cindy über Atze Schröder bis Mario Barth. Und so hat der agile Blondschopf das rund 100 Jahre alte Genre der Bauchrede in eine neue Generation geführt. Da ist es doch beruhigend, dass der ewige Kampf zwischen Sprecher und Puppe als beständige Komponente das Publikum immer wieder zum Lachen bringt.

Es dauert, bis die erste Puppe tanzt: Sascha Grammel scheint sich erst noch ein bisschen aufwärmen zu müssen. Dafür braucht er natürlich sein Mainzer Publikum im Frankfurter Hof. Gäste aus Wiesbaden zum Beispiel werden gefragt, ob sie schon Strom und elektrisches Licht hätten. Das amüsiert immerhin die anderen und einer ruft schon zu Beginn „Zugabe!“. Grammel kann zum Glück mehr und nachdem Alexander aus der ersten Reihe zum running gag gemacht und die zu spät gekommene Rita aus Langen aufgrund ihres – natürlich… – langen Anreisewegs als Pointe geadelt wurde, geht die Show denn auch endlich los.

Doch Grammel reagiert auf derartige Kritik ja bereits im Titel seines Programms: „Hetz mich nicht!“ heißt es, auch wenn ihm der Satz nicht über die Lippen kommt. Als Bauchredner darf er delegieren und jene drohend formulierte Bitte artikuliert der Schnabel von Frederic Freiherr von Furchensumpf, einer Mutation aus Adler und Fasan, in den wohl auch ein bisschen Punk eingekreuzt wurde. „His masters voice“ nutzt dieser schräge Vogel, wie bei Ventriloquisten so üblich, für freche Widerworte. Mit Selbstbewusstsein für drei weist er den Puppenspieler in seine Schranken, bis der ihm einfach den Schnabel zubindet.

Sascha Grammel hat unbestritten Talent. Und wenn man bedenkt, dass er erst seit gut drei Jahren verstärkt solistisch unterwegs ist, beeindruckt der rappelvolle Saal mit johlenden Fans jeden Alters ungemein. Da mag man nur leise anmerken, dass die einzelnen Nummern mit Vogel Frederic, dem plappernden Pappbrötchen Prof. Dr. Peter Hacke und der unbestritten süßen Schildkröte Josie doch ein wenig zu lang sind und es zuweilen nervt, dass der Künstler ständig über sich und die Scherze seiner Puppen lacht. Doch daran lässt sich ja noch arbeiten.

So erlebt man kleine Pannen doppelt amüsant als gelungene Auflockerung: Als Grammel ein Führungsstab entgleitet, mokiert sich sein Partner über die temporär halbseitige Lähmung. Ansonsten staunt man über die liebevoll präparierten Puppen: Der sprechende Hamburger hat nicht nur mächtig Fleisch auf den Lippen, er verfügt auch über eine aparte Augensprache, die durch die Gurken-Augenbrauen noch unterstrichen wird. Und der coole Flattermann Frederic punktet mit dem Charme einer Rasierklinge sowieso.

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